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Nr. 11811

14. Februar 2010

In der ganzen Zeit, in der ich mich jetzt schon als Filmfan bezeichne, hatte ich diesen Film noch nicht gesehen: Fritz Langs „Metropolis“. Wenn ich überhaupt was davon kannte, waren es Fotos. Ich kannte weder die Musik noch die genaue Story noch die spannende Geschichte hinter dem Film (Lang soll ein richtiger Film-Diktator gewesen sein). Gut – das stimmt nicht ganz: ich hatte den Anime „Robotic Angel“ gesehen, der sich stark an den Film anlehnt. Aber das ist ja nicht dasselbe.

Zum Glück für mich (und alle anderen Filmfreunde) konnte die 60. Berlinale mit einem ganz besonderen Geschenk aufwarten: die fast vollständig restaurierte Fassung von Langs Meisterwerk. Statt mir aber am Brandenburger Tor den Hintern abzufrieren, hatte ich es dann doch bevorzugt, gemütlich vorm Fernseher ein wenig Kinogeschichte einzuatmen.

Wenn man sich überlegt, dass der Film bereits 1927 erschienen ist, mag es fast nicht glauben. Allein das ganze Setting des Films – die obere Stadt mit seinen Gärten und dem „Klub der Söhne“ und die untere Stadt, der Moloch, in dem die Arbeiter fast zugrunde gehen, der große neue Turm Babel – all das sieht einfach bombastisch aus. Wenn man die Bilder von Langs Zukunftsmetropole sieht, dann sieht man endlich und eindeutig, woher „Blade Runner“ seine Inspiration genommen hat. Was Lang sich da ausgedacht hat, um eine futuristische Welt auf die Leinwand zu bannen, ist wirklich grandios – und das auch noch ohne Computer. Da kann man eigentlich nur fasziniert mit dem Kopf schütteln. Genauso unglaublich war dann auch die Umwandlung des Roboters in einen Menschen. Ich habe keine Ahnung von Technik und kann mir daher keinen Reim darauf bilden, wie der Kameramann es geschafft hat, den Roboterkörper so in Szene zu setzen – aber wenn man es jetzt sieht, will man gar nicht glauben, dass der Film schon gute 83 Jahre alt ist.

„Metropolis“ ist aber nicht nur im Technischen seiner Zeit weit voraus. Man könnte Lang auch unterstellen, thematisch seiner eigenen Zeit voraus gewesen zu sein: seine Arbeiter, alle nur mit einer Nummer versehen (so auch der Arbeiter Nr. 11811), lehnen sich gegen die Obrigkeit auf. Verursacht wird das Ganze durch den Roboterersatz für das Mädchen Maria (Brigitte Helm), die eigentlich auf Frieden und einen Mittler zwischen „Hirn“ (der Erschaffer von Metropolis Joh Fredersen) und „Händen“ (die Arbeiter) hofft. Dieser Mittler könnte Fredersens Sohn Freder (Gustav Fröhlich) sein, doch der verrückte Professor oder Erfinder Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) erschafft den Robotermenschen, mit dem Joh Fredersen (Alfred Abel) Marias Anhänger auf eine andere Fährte führt.

„Metropolis“ scheint auch ein politischer Film zu sein, der deutlich macht, dass das schöne Leben der Reichen nur so lange Bestand hat, so lange diejenigen, die für sie arbeiten ruhig und zufrieden sind. Sind sie es nicht, ist Gefahr im Anmarsch. Lang beschreibt in seiner „Metropolis“-Gesellschaft Kapitalismus, wie ihn der Marxismus sieht: stark getrennte Gruppen, von denen eine die andere gnadenlos ausbeutet. Gleichzeitig fragt man sich bei „Metropolis“ ständig, was die Arbeiter eigentlich an den Maschinen machen – hier spiegelt sich die Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit wieder. Was er macht, hat für ihn keinen Sinn, weil er nur ein kleines Teil vom Ganzen ist. Wie das ganze Problem gelöst werden kann, scheint für Lang offensichtlich: „Der Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein“

Neben all den technischen Neuheiten und dem gesellschaftlichen Sinnbild schafft Lang das perfekte Bild von dem verrückten Professor: nur echt mit wirren Haaren, einem einsamen Labor und einer tieftraurigen Leidensgeschichte, die ihn erst zu dem macht, was er ist.

Auch wenn „Metropolis“ immer in höchsten Tönen gelobt wird, finde ich es faszinierend, dass der Film zu seiner Zeit ein unglaublicher Flop war (was dann auch zur Folge hatte, dass er so brutal zerstückelt wurde). Heute ist der Film aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken und das zu recht.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Filmoper, die jedem Science-Fiction-Freund die Augen für spätere Filme öffnet)

10 Kommentare leave one →
  1. 14. Februar 2010 15:10

    Ich hatte „Metropolis“ vorher auch noch nicht gesehen, und mir ging es wie dir: Die Aufnahmen der Stadt waren wirklich atemberaubend, und zwar nicht für 1927. Ansonsten finde ich diesen expressionistischen Stil der deutschen Stummfilme der 20ger Jahre unfassbar faszinierend (z.B. auch bei Murnaus „Nosferatu“). Inhaltlich ist „Metropolis“ sicherlich kein Überflieger, da könnte man einiges kritisieren. Man kann es angesichts der Wucht die der Film gerade auch mit dem Live-Orchester entwickelt hat, natürlich auch lassen. Im Übrigen muss ich Allen wiedersprechen, die sich an der im Vergleich schlechteren Bildqualität der restaurisierten und wiederentdeckten Szenen gestört haben. Ich finde diese sichtbaren „Wunden der Zeit“ irgendwie voller Charme, spiegeln sie doch die lange und zerrissene Geschichte des Films in den letzten Jahrzehnten wieder. Lob an dieser Stelle also auch für Arte, die das Ereignis immerhin auch übertragen haben. So soll das sein.

    • donpozuelo permalink*
      14. Februar 2010 19:19

      Inhalt könnte man kritisieren, aber da gibt’s sicherlich auch schlimmeres 🙂

      Dass mit dem Live-Orchester war wirklich der Hammer. Vor allem wenn man bedenkt, dass sie zum Film eigentlich nur die Partitur komplett haben und sich danach beim Zusammensetzen orientiert haben.

      Die schlechtere Bildqualität der wiederentdeckten Szenen hat mich auch nicht weiter gestört. Für mich hatte das auch viel Charme und gleichzeitig den praktischen Vorteil, dass man genau wusste, welche Szene eine „neue“ ist 🙂

  2. 14. Februar 2010 15:20

    Leider noch nicht gesehen, dafür aber aufgenommen. Ich habe bisher nur mal kurz reingeguckt und war beeindruckt von den Bildern.

    • donpozuelo permalink*
      14. Februar 2010 19:20

      Dann bereite dich auf einen tollen Film vor 🙂

  3. Dr. Borstel permalink
    15. Februar 2010 16:19

    Meine Meinung. Eine schöne, visionäre Story, in fantastischen Bildern verpackt – episch. Ein Review dazu werde ich demnächst auch noch schreiben, wenn ich die Zeit finde.

    • donpozuelo permalink*
      15. Februar 2010 23:46

      Dann ran an den Rechner und los geschrieben… ich warte gespannt 🙂 aber schön, dass ich deine Meinung schon ein wenig voraus nehmen konnte

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