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Der letzte Gecko

25. Januar 2010

Asiatische Filme sind für mich immer wieder ein kleines Phänomen. Es sind Filme, in die ich mich erst reinversetzen muss. Das verläuft dann teilweise so, dass ich kurz davor bin zu sagen: „Langweilig!“. Aber Sekunden vor dieser Aussage kippt irgendwo (in mir oder sonstwo) ein Schalter um und lässt mich den Film mehr denn je genießen. Daher kommt es, dass ich die meisten Filme in meiner Sammlung noch ein zweites Mal schaue, um sie vollkommen genießen zu können.

Grund dafür ist aber oft auch, dass die Japaner, Chinesen, Koreaner, Thailänder oder Inder eine ganz andere Filmsprache, einen ganz anderen Ethos in ihre Filme packen als es der Westen tut. Oftmals sind die Figuren und ihre Entwicklungen wesentlich vielschichtiger. Natürlich gehe ich jetzt nicht von Fantasy- oder Action-Filmen aus, sondern mehr von den Dramen.

Nun befindet sich in meiner Sammlung ein weiteres Schmuckstück asiatischen Kinos: der Film „Last Life in the Universe“ des Thailänders Pen-ek Ratanaruang: Kenji (Tadanobu Asana) ist ein japanischer Bibliothekar, der in Bangkok allein sein von Perfektion getriebenes Leben lebt: alles in seinem Leben ist streng geordnet. Aber Kenjis Leben ist scheinbar unerfüllt – weswegen sonst würde er immer wieder darüber nachdenken, wie er am besten Selbstmord begehen könnte. Dumm (oder gut) für ihn ist nur, dass er im entscheidenden Moment gestört wird: sei es durch seinen Bruder, der sich vor seinem Yakuza-Boss versteckt, weil er dessen Tochter vergewaltigt hat oder durch die Prostituierte Noi (Sinitta Boonyasak). Noi „errettet“ Kenji vor einem weiteren Selbstmordversuch, als sie einen Streit mit ihrer Schwester hat und diese direkt vor ihren und Kenjis Augen tot gefahren wird. Zu Noi entwickelt Kenji schließlich so etwas wie eine Beziehung, die sich aber sehr schwerfällig in Gang setzt – was auch an Kommunikationsproblemen liegen könnte: er ist Japaner, der wenig Thai spricht und sie ist Thai, die nur wenig Japanisch spricht – also müssen sie irgendwann auf englische Wortbrocken zurück greifen.

Wenn man asiatische Filme mit westlichen vergleichen will, um „Unwissenden“ eine Vorstellung des Films zu geben, wählt man oft den falschen Vergleich. Wer dennoch einen Vergleich braucht: Man könnte „Last Life in the Universe“ am ehesten noch mit dem Film „Harold & Maude“ vergleichen: die Hauptdarsteller in beiden Filmen schwelgen in Fantasien über den perfekten Selbstmord und lernen durch ihre Beziehung zu einer Frau, dass das Leben doch lebenswert sein könnte (der Unterschied zu „Harold und Maude“ ist der Altersunterschied: Harold ist noch ein Junge und Maude ein 80-Jährige, während Kenji und Noi etwa gleich alt sind).

„Last Life in the Universe“ gehört wieder zu der Art Film, die ohne viele Worte auskommen und dennoch unheimlich fesseln. Es ist vor allem die schwerfällige und zugleich anmutige Art, wie der Film fotografiert worden ist. Kameramann Christopher Doyle verwendet lange, stille Einstellung – schließlich geht es nicht um die Technik des Fotografierens, sondern um das Abgelichtete – die Personen. „Last Life in the Universe“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, ohne vorher schon zu verraten, wie die Reise enden wird. Zusammen mit Kenji und Noi erkundet man ihre Probleme und Sorgen. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen erschafft Pen-ek Ratanaruang eine Liebesgeschichte mit dem bis jetzt geilsten Ende, dass ich bei solchen Filmen gesehen habe. Mit dem Ende verdeutlicht der Regisseur den Wandel in der Person Kenjis – ohne dabei ein kitschiges Happy-Ending aufzutischen. Genial.

Achso, und der letzte Gecko (Namensgeber dieses Artikels) ist ein Kinderbuch, dass Kenji liest und das zu einer kleinen Parabel des gesamten Films wird, weswegen auch immer wieder ein kleiner Gecko irgendwo im Film zu sehen ist.

Wichtiger Hinweis: Diesen Film sollte man sich nur im Original mit Untertiteln anschauen.

Wertung: 9 von 10 Filmen (Freunde des ruhigen, aber intensiven Kinos werden „Last Life in the Universe“ lieben.)

8 Kommentare leave one →
  1. 25. Januar 2010 20:39

    Ach, du machst es mir ja nicht leicht 😉
    Im Grunde kann ich mit asiatischen Filmen, so gut sie auch gemacht sein mögen, nicht viel anfangen. Auch der Vergleich zu „Harauld & Maude“ sollte mich eigentlich nicht überreden (irgendwie hege ich eine Aversion gegen diesen Film).
    Dennoch bin ich irgendwie wieder angetan. Ich glaube aber nicht, dass ich den Film in meiner Videothek finde. Deswegen steht er jetzt auf meinem Amazon-Wunschzettel.

    • donpozuelo permalink*
      25. Januar 2010 22:25

      Wie kam es denn zur Aversion gegen „Harold & Maude“?
      Ich kann dir aber versichern, der Vergleich soll wirklich nur eine Einschätzungshilfe sein. „Last Life…“ geht ganz andere Wege als „Harold &Maude“. Das einzige, was beide gemeinsam haben, sind eine männliche Hauptfigur, die den Selbsttod sucht und in einer weiblichen Hauptfigur seine Erlösung findet. Mehr nicht…

      Ich hoffe, deine Amazon-Wunschliste bringt dir den Film schnell nach Hause 🙂

      • 26. Januar 2010 15:34

        Mir wurde „Harauld & Maude“ zwei Mal im Englischunterricht vorgesetzt – allerdings zu früh und auf Grund eines Lehrerwechsels zwei Schuljahre in Folge. Der einzige Mensch im Raum, der ohne Untertitel (das lief noch von einer Videokasette) etwas verstehen konnte, war meine Lehrerin. Die musste dann auch noch ständig lachen, ohne dass jemand den Grund mitbekam. Sowas haftet enorm an einem. 😉

        In ein paar Jahren kann ich den Film vielleicht mal wieder gucken – dann aber außerhalb des Englischunterrichts…

  2. donpozuelo permalink*
    26. Januar 2010 16:13

    Okay, das ist verständlich. Dann würde ich den Film auch nicht zu meinen Lieblingsfilmen zählen. Aber gut… warte einfach noch ein wenig und schau dir vorher ruhig „Last Life in the Universe“ an 🙂

  3. Dr. Borstel permalink
    26. Januar 2010 19:46

    Das … interessiert mich. Der sei mal vorgemerkt (wobei ich mir interessante Filme auch mal sofort notieren und nicht bloß merken sollte, sonst vergesse ich sie ständig … 😀 ).

    • donpozuelo permalink*
      26. Januar 2010 21:08

      Dann merk ihn dir vor und beim nächsten Amazon-Besuch nimm ihn gleich in den Warenkorb. Ist auch nicht zu teuer…

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