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Kleine Jungs…

5. Januar 2010

… wollen toben, wollen herumlaufen und brüllen, wollen Sachen kaputt hauen und einfach nur wilde Kerle sein. Genau das schien auch Maurice Sendak zu wissen und veröffentlichte 1963 ein Kinderbuch mit dem klangvollen Namen „Wo die wilden Kerle wohnen“. Auf Anhieb wurde das kleine Buch zu einem Klassiker – gleichzeitig beschwerten sich viele aber auch über das knappe Buch (ca. 10 Seiten) mit etwas unheimlichen Figuren. Im Buch wird der kleine Junge Max von seiner Mutter ohne Essen in sein Zimmer geschickt. Daraufhin versetzt Max sich Dank seiner Fantasie auf eine ferne Insel, auf der merkwürdige Wesen leben, die den kleinen Junge zu ihrem König machen. Dort toben sie, streifen durch die Wälder und machen Unfug, bis Max Heimweh bekommt und wieder nach Hause geht.

Nun muss man sich schon fragen, wie man es schafft, aus diesem Thema einen fast 2 Stunden langen Film zu machen? Angefangen hat alles angeblich im Jahr 1980, als Disney daraus noch einen Animationsfilm machen wollte. Erst jetzt, 2009, kommen die wilden Kerle (nicht diese Fußballer-Kids) auf die Leinwand – und das auch noch als Realfilm.

Spike Jonze hat schon mit „Being John Malkovich“ und „Adaption“ gezeigt, das er interessant-merkwürdige Geschichten erzählen kann. Jonze erkennt aber die offensichtlichste Schwäche von „Wo die wilden Kerle wohnen“ – eine filmreife Geschichte ist es nicht unbedingt. Daher erweitert Jonze das Buch um mehr als nur die Geschichte eines kleinen Jungen. Statt einfach nur König einer wilden Gruppe Monster zu werden, findet er eine kleine Gemeinschaft vor, in der viele unterschiedliche Charaktere auftreten. In allem aber findet man immer wieder die Ängste und Befürchtungen des kleinen Max wieder – so gibt es unter den Monstern, eines, das sich ausgegrenzt fühlt; ein anderes sehnt sich nach Liebe und glaubt, diese nur durch seine Zerstörungswut zu bändigen. Was Max fühlt, fühlen die Monster und nach und nach muss Max erkennen, wie er den Monstern und auch sich helfen kann.

Spike Jonzes mutigste Entscheidung ist aber wohl, dass er die wilden Kerle nicht animiert, sondern stattdessen große Puppen verwendet. Die großen, wandelnden Fellpuppen erinnern an Samson aus der Sesamstraße und sind der größte Coup des Films. Gerade weil Jonze auf animierte Figuren verzichtet, entwickelt der Film seinen ganzen Charme durch die Figuren. Sie erinnern viel mehr an das, was sich im Kopf eines Kindes abspielt: zottelige, wilde Kerle (und eine Frau, wohlgemerkt):

Zwei Wilde Kerle (aber nicht die Fußball-Wilden-Kerle)

„Wo die wilden Kerle wohnen“ ist herrlich verspielt und kümmert sich wenig darum eine wirkliche Geschichte zu erzählen. Wozu auch, wenn es doch eher darum geht zu lernen, dass Wild-Sein nicht alles im Leben eines Kindes ist. Daher macht der Film zwischendurch wenig Sinn und man fragt sich schon, warum man einem kleinen Jungen und großen Zottelmonstern dabei zusieht, wie sie sich ein Fort bauen und Krieg spielen. Aber Jonze gelingt es alles zu einem Packet zusammenzuschnüren.

Besonders hervorzuheben ist die Leistung von Max Records, der den kleinen Max spielt. Ansonsten bietet „Wo die wilden Kerle wohnen“ etwas, dass viele Filme versuchen und nur schwer schaffen: einen Blick in die Fantasie eines Kindes: verwirrend, fantasievoll und chaotisch. Aber mit dem Ende macht Jonze auch einen Film für Erwachsene draus – und zeigt uns, dass das Wilde niemals ständig existieren kann, sondern hin und wieder auch etwas Ruhe braucht. Am Ende schafft es Jonzes Film, dass wir die wilden Kerle vermissen, uns aber auch darauf freuen, wieder nach Hause zurück zu kehren.

Wertung: 8 von 10 Punkten (sicher nicht für jedermann, aber für alle, die das kleine, wilde Kind in sich noch bewahrt haben)

10 Kommentare leave one →
  1. 6. Januar 2010 07:42

    Ich hatte die Trailer schon vor längerem gesehen, und was ich da sah, hat mir gut gefallen.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2010 08:15

      Ich bin auch nur wegen dem Trailer hingegangen (das Buch kannte ich nur grob vom Namen her). Also wenn dir der Trailer schon gefallen hat, dann wäre eine Reise dahin, „Wo die wilden Kerle wohnen“ sicherlich den Kinoeintritt oder später die DVD wert 🙂

      Obwohl man etwas vorsichtig an den Film rangehen sollte, wie oben schon beschrieben.

  2. 6. Januar 2010 11:20

    Ich mag diesen Film seeeeehr gerne. Und ich finde es ebenfalls wunderbar, dass die Monster nicht animiert wurden.

    10 Seiten Buch auf zwei Stunden zu strecken ist natürlich gewagt, aber in dem Fall gelungen: Der Film erhält dadurch ein fast elegisches Tempo, das gefällt mir.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2010 12:06

      Ich war vorher extra noch in nem Buchladen und hab mir kurz das Buch durchgelesen. Ehrlich gesagt ist mir dabei so ein bisschen entgangen, warum das jetzt so ein Klassiker sein soll. Die Idee ist zwar ganz witzig, aber ich hatte so das Gefühl, man müsste danach viel zu viel erklären. Vielleicht soll das ja so…

      Der Film hat mir in diesem Fall mal besser gefallen als das Buch. Und das passiert ja eigentlich so gut wie nie 🙂

      • 6. Januar 2010 18:07

        Ich meine ja, dass es um einiges einfacher ist, aus wenig Vorlage viel zu machen. Ausbauen kann man schließlich alles in Hollywood und sonst wo. Schwieriger sind meiner Meinung nach solche Mammutwerke wie Herr der Ringe oder Harry Potter filmisch umzusetzen. Da bleibt das komplexe Konstrukt meist nämlich sehr flach.

        • donpozuelo permalink*
          6. Januar 2010 21:38

          Stimmt, so betrachtet hast du, glaube ich, vollkommen Recht. Harry Potter, Herr der Ringe oder jeder andere Romane geht viel tiefer (in Literaturform) als es ein Film jemals könnte.

  3. 6. Januar 2010 21:41

    Bei der Tolkien-Verflilmung war ich maßlos enttäuscht, denn es fehlte (logischerweise) irrsinnig viel. Der Vergleich von Buch und Film muss an dieser Stelle einfach scheitern.

    Ich bin gespannt, hier habe ich kei Buch gelesen, sondern bin direkt auf den Trailer „angesprungen“.

    • donpozuelo permalink*
      6. Januar 2010 21:48

      Ich stimme dir bei Tolkien in jeder Beziehung zu. Der Vergleich von Buch und Film scheitert. Dennoch finde ich die Tolkien-Verfilmung an und für sich nicht schlecht. Es fehlt zwar immer noch viel aus den Büchern, trotzdem ist es eine gute Verfilmung.

      • 6. Januar 2010 21:51

        Die Verfilmung für sich ist sehr toll, gar keine Frage. Dass ich Elijah Wood als Frodo entsetzlich furchtbar finde, ist ja mein persönliches Problem *grins*.

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  1. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

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