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Nie aufgeben!

23. Dezember 2009

Eine Devise, die der Tramp in „Modern Times“ (1936) erst lernen muss. Denn – ganz ehrlich – seine modernen Zeiten sind der reinste Horror. Er arbeitet in einer Fabrik am Fließband, führt immer wieder die gleiche Bewegung aus, ist nur ein kleines Rädchen in einer großen Maschine – und dann fragt man sich die ganze Zeit: Was zur Hölle wird da eigentlich hergestellt?

Charlie Chaplins „Modern Times“ erinnert schon sehr an Marx – die Zerstörung des Individuums. Statt sich mit dem Produkt, was er schafft, zu identifizieren, weiß der Arbeiter schon gar nicht mehr, was er eigentlich macht. Er ist nur ein Etappe am Fließband. Von Anfang an macht Chaplin klar, „Modern Times“ zerstören den Menschen. Allein die erste Einstellung verdeutlicht das besser als tausend Worte: eine Horde Schafe wird zusammengetrieben – dann ein Schnitt – und wir sehen wieder eine Horde Schafe, nur sind es keine Schafe mehr, sondern Menschen auf dem Weg in ihre Fabrik.

Der erste Teil von „Modern Times“ ist erschreckend – erschreckend real. Effizienz ist alles – es zählt nur das Resultat. Wie man es erreicht, ist nebensächlich. Der Fabrik-Chef überwacht seine Arbeiter wie Orwell’s „Big Brother“, und selbst in der Pause soll der Arbeiter sein Werk vollrichten, weswegen extra eine Art Essmaschine vorgeführt wird. Doch all das hilft nichts, denn am Ende hängt es vom Arbeiter ab. Und der kann bei all der Monotonie seiner stupiden Arbeit schon einmal komplett durchdrehen – und Chaplins Tramp versagt der Geist. Es wird sogar so schlimm, dass er ins Gefängnis kommt. Ein schlimmer Ort? Weit gefehlt. In „Modern Times“ ist das Gefängnis das Paradies auf Erden. Es ist sogar so schön dort, dass der Tramp den Gefängnisdirektor anfleht, ihn dort zu behalten. Es geht sogar soweit, dass Chaplin alles versucht, um wieder ins Gefängnis zu gelangen.

Wenn man Chaplins „Modern Times“ sieht, passiert das mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Was für eine Welt muss das gewesen sein, in der man lieber im Gefängnis sitzt als draußen in der „Freiheit“. Aber von Anfang an zeigt Chaplins Film, dass es diese Freiheit nie gegeben hat für den Arbeiter – entweder er ist Sklave der Fabrik (wieder „Big Brother“ verlangt bessere Leistung) oder er ist Sklave der Maschinen. In jedem Fall ist Chaos vorprogrammiert und der arme Arbeiter immer das Opfer.

Zum Glück ist „Modern Times“ dann aber doch nicht ganz so pessimistisch wie es den Anschein hat. Bei seinen Versuchen, wieder ins Gefängnis zu kommen, trifft der Tramp auf ein wunderschönes, aber armes Mädchen (die bezaubernde Paulette Goddard). Sie und die charmante Liebesbeziehung, die sich zwischen ihr und dem Tramp entwickelt, sind ein Lichtblick in der Dunkelheit. Mit ihr kann der Tramp noch träumen, mit ihr kann er sich vorstellen, ein Haus zu besitzen. Für sie versucht er alles möglich zu machen. Und Dank dieser Frau gelingt es dem Tramp auch immer wieder, einen Job zu finden – super ist dabei die Nacht im Warenhaus 🙂

Chaplin verdeutlicht, dass Familie und Liebe die einzigen effektiven Mittel gegen den Horror der Fabrik sind.

„Modern Times“ ist dabei kein gewöhnlicher Stummfilm. Immer wieder dort, wo es dramaturgisch von Bedeutung ist, ist auch Ton (z.B. der singende Chaplin in einem Restaurant). Anders hätte der Film meiner Meinung nach aber auch nicht funktioniert. Chaplin war halt kein Tonfilmschauspieler – wozu braucht der Mann auch Ton, wenn er seine Mimik und Gestik, seinen Körper einsetzen kann? Chaplins Pantomime, seine Slapstick-Einlagen und die Leichtigkeit mit der er seinen Tramp durchs Leben führt, braucht keinen Ton.

Charlie Chaplin gibt hier als Regisseur, Drehbuchautor, Cutter, Komponist, Produzent und Hauptdarsteller eine Glanzleistung ab. Egal wie alt der Film ist, so bleibt er doch irgendwie immer aktuell. Wir arbeiten zwar vielleicht nicht mehr in Fabriken, aber das Problem der Arbeitseffizienz bleibt das gleiche – irgendwer hockt immer hinter uns und treibt uns an. Allein wenn ich an die allererste Szene denke: Chaplins Vergleich der Arbeiter mit den Schafen – schaut nur mal morgens in die Berliner U-Bahn-Gänge und ihr werdet das gleiche Bild zu Gesicht bekommen.

Zum Glück aber beschwichtigt der Tramp am Ende sein Mädchen (und damit auch den Zuschauer) mit den Worten: „Niemals aufgeben!“ Fast schon ein Mantra, aber sehr hilfreich. Niemals aufgeben und immer nach vorne blicken… herrlich rührend.

Niemals aufgeben!

Bis jetzt war ja „Der Große Diktator“ mein Lieblingsfilm von Chaplin, aber „Modern Times“ hat sich ohne Mühe diesen Titel geholt (daher an dieser Stelle noch ein Dankeschön an Dr. Borstel, der mich mit seinem Artikel überhaupt erst auf den Film gebracht hat). Ein herrlich komischer, zugleich sehr kritischer Film, der trotz aller Kritik optimistisch bleibt.

Wertung: 10 von 10 Punkten (ein zeitloser Klassiker, der den Zeitgeist voll zwischen die Augen trifft)

3 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    23. Dezember 2009 13:31

    Gerne doch. Mir ging’s nämlich genauso, bis ich vor einiger Zeit „Modern Times“ sah, war ebenfalls „The Great Dictator“ mein Lieblings-Chaplin. Zweifelsohne ebenfalls ein ganz großer Film, aber „Modern Times“ toppt sogar das noch mal.

  2. 30. Januar 2011 12:53

    So, von Dr. Borstels Rezension auf deine gestoßen 😀
    Ihr beide übertreibt!
    Scherz, alles richtig, was ihr beide schreibt. Ich empfand die Liebesgeschichte aber etwas störend, weil sie nicht richtig funktioniert hat für mich. Ein besseres Beispiel, in meinen Augen, findet sich in CITY LIGHTS, den ich dir auch nur wärmstens empfehlen kann. Neben dem großen Diktator mein Lieblings Chaplin bisher.

    • 30. Januar 2011 19:31

      „City Lights“ kenne ich nicht, aber „Der Große Diktator“ ist einfach nur genial!!!

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