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Mrs. Robinson

13. Dezember 2009

Was muss das wohl im prüden Amerika für ein Aufschrei gewesen sein, als 1967 Mike Nichols „Die Reifeprüfung“ ins Kino brachte: ein junger Student geht eine Affäre mit einer älteren Frau ein. Obwohl vielleicht hat nur halb Amerika geschrieen – die alten Spießer. Der Rest – die Hippie-Jugend und Co. dürften sich daran erfreut haben.

Heute erfreut man sich an dem alten Film immer noch. Vor allem, wenn man gleich zu Beginn diesen 30 Jahre alten Mann sieht, der einen 20 Jahre alten Studenten spielt, den man eigentlich eher als den „Rain Man“ kennt: Dustin Hoffmann spielt den jungen, recht nervösen Studenten Benjamin Braddock. Und schon am Anfang fragt man sich: Wie viel vom „Rain Man“ steckte schon von Anfang an in Hoffmann? Wenn er stocksteif durch die Reihen der Gäste streift, die seine Eltern eingeladen haben, wenn er immer wieder grunzt und keucht, wenn er wild ins Schwitzen gerät, wenn sich die ältere Frau vor ihm aussieht, dann überzeugt Hoffmann mit seiner „gespielten“ Unsicherheit. Diese Unsicherheit verschwindet aber, nachdem sich Benjamin und Mrs. Robinson (Anne Bancroft) in einem Hotelzimmer treffen. Doch wenn das alles wäre, wäre „Die Reifeprüfung“ ein langweiliger Film, der – Gott sei Dank – spannend wird, als Mrs. Robinsons Tochter Elaine (Katherine Ross) zu Besuch kommt und Benjamin sich in sie verliebt.

"Versuchen Sie, mich zu verführen, Mrs. Robinson?"

Man muss Hoffman in seiner ersten großen Rolle einfach mögen, auch wenn man ihm heute nicht mehr wirklich den 20-Jährigen abkauft. Aber auch Anne Bancroft spielt die ältere Dame so überzeugend, dass sie sich für die Ewigkeit als „American Pie“-MILF-Begründerin bezeichnen könnte (inwieweit sie jetzt tatsächlich dafür als Patin diente, sei einmal dahin gestellt).

Mike Nichols Film ist hauptsächlich eine Komödie – aber eine Komödie worüber? Über die Liebe, das Erwachsenwerden oder über dysfunktionale Familien? Wahrscheinlich wohl alles in einem. Bens Familie übt Druck auf ihn aus, den er mit Mrs. Robinson abbaut. Als er sich in Elaine verliebt, übt Mrs. Robinson Druck auf Ben aus – leider will seine eigene Familie unbedingt, dass Ben mit Elaine etwas unternimmt. Ben hat also von Anfang an eigentlich keine freie Wahl – er ist mehr ein Spielball der Gefühle (seiner eigenen und der anderer). Somit entwickelt sich ein tragisch-komischer Held, dessen Aktion am Ende so bekannt geworden ist, dass sie schon in „King of Queens“, bei den „Simpsons“, in „Wayne’s World 2“ oder sogar in meine Lieblings-Point-and-Click-Spiel „Monkey Island 2“wiederholt werden musste.

„Die Reifeprüfung“ besticht aber nicht nur durch hervorragende Schauspieler, sondern vor allem durch den Soundtrack. Regisseur Nichols lässt Simon & Garfunkel die Songs für den Soundtrack singen. Und so erklingt nicht nur „The Sound of Silence“, sondern auch die bekannte „Mrs. Robinson“ wird hier besungen – allerdings ist die Filmversion des Songs leicht abgeändert als die normale Version, die man sonst kennt.

Zugegeben, „Die Reifeprüfung“ ist ein eher dialoglastiger Film, dafür sind die Wortgefechte clever und witzig, die Schauspieler großartig und glaubwürdig, und obwohl das Ende typischer Hollywood-Happy-End-Müll ist, ist es einfach nur herrlich schön und zufriedenstellend.

Wertung: 9 von 10 Punkten („And here’s to you, Mrs. Robinson Jesus loves you more than you will know (Wo, wo, wo)”)

11 Kommentare leave one →
  1. 13. Dezember 2009 11:27

    obwohl das Ende typischer Hollywood-Happy-End-Müll ist

    Überhaupt nicht, gerade das Ende macht die ganze Angelegenheit doch erst rund: Wenn beide im Bus sitzen, sich freuen, lachen. Dann aber richten beide auf einmal ihren Blick in die Ferne, das Lachen verschwindet und wird von einem Blick der Unwissenheit, vielleicht sogar Sorge abgelöst. Benjamin und Elaine mögen aus den engen Ketten der Familienentwürfe ihrer Eltern ausgebrochen sein, aber was die Zukunft bringt, wie es weiter gehen soll… das weiß keiner von Beiden.

    • donpozuelo permalink*
      13. Dezember 2009 11:38

      Okay, da gebe ich dir Recht, das Ende im Bus ist wirklich nicht typischer Hollywood-Müll. Der Grundgedanke am Ende des Films bleibt aber dennoch dem Happy End treu – ganz frei nach dem Motto: „Wenn ich nur lange genug bettele, dann nimmt sie mich auch noch fünf Minuten nach ihrer Hochzeit.“ Der eigentliche Held kann ja nicht einfach leer ausgehen, sondern muss am Ende auch noch wieder einen kleinen Gewinn davontragen. Dass sich Elaine und Ben dabei vielleicht etwas überschätzt haben, zeigt der Blick in die Ferne – ein Happy-End ist es irgendwo trotzdem…

  2. 13. Dezember 2009 12:14

    Klar, von dem Film hört man immer sehr viel positives. Aber wenn selbst „Monkey Island 2“ (ich liebe dieses Spiel) eine Hommage an den Film beinhaltet, muss ich doch endlich mal „Die Reifeprüfung“ gucken.

    • donpozuelo permalink*
      13. Dezember 2009 12:35

      Auf jeden Fall 🙂 das ist doch mal ein guter Grund

  3. 13. Dezember 2009 14:16

    100% Klassiker!

    Ich glaube, dass die Reifeprüfung neben Easy Rider auch einer der ersten Filme überhaupt war, der als Filmmusik einfach aktuelle Popmusik verwendet hat. Davor wurde ja immer exklusiv für den Film geschrieben. (Abgesehen vom Titelsong von Simon & Garfunkel)

    Das Ende ist superradikal und gar nicht Hollywood – die Entweihung des Sakramentes der Ehe, der Kirche und die Kreuzschändigung (zum Türen verschließen).

    10/10 !!! 😉

    • 13. Dezember 2009 14:18

      Habe gerade deinen Kommentar oben gelesen:

      Klar, der Held bekommt am Ende seinen „Gewinn“. Aber die Art und Weise ist ja mal überhaupt nicht koscher. Eigentlich schon eine Satire auf das „Happy End“.

      • donpozuelo permalink*
        13. Dezember 2009 14:49

        Aber ist es nicht trotzdem irgendwo auch ein Happy End??? Ich kann mich zwar wohl in deine und C.H.s Argumentation reinversetzen, dennoch bleibe ich dabei, dass das Ende mehr als nur eine Satire ist. Dass das Ende nicht wirklich koscher ist, liegt ja im Sinne des Films – der ist ja selbst nicht ganz koscher 🙂

      • 13. Dezember 2009 20:23

        Mhm, dass das Happy End von Mrs. Robinson heute so konform rüberkommt, zeigt, wie „New Hollywood“ uns heute geprägt hat. Den Antihelden / Außenseiter zur zentralen Filmfigur zu erheben, war damals aber reine Provokation. Ihn dann auch noch die Institution der Ehe, Kirche und Religion mit Füßen treten zu lassen, war 100% Punkrock gegen das Establishment.

        Auch wenn es ein „klassisches“ Happy End ist. Sämtliche Variablen drumrum sind Dynamit.

  4. 13. Dezember 2009 15:38

    Jo, hehe. Ich glaube gegen das „Happy End“ in dem Sinne hat auch niemand was einzuwenden. War halt die Formulierung, die stutzig machen muss. Einen Film, der maßgeblich dazu beigetragen hat das New Hollywood zu begründen, mit den Worten „typischer Hollywood-Happy-End-Müll“ zu beschreiben, kommt in diesem Fall dann eben nicht so ganz hin. Klingt ja fast so, als wäre der Film einer dieser unsäglichen „Braut-für-mich-drei-frauen-nicht traut-Freundinnen“-Kitschfilme die allenthalben im Kino zu „bestaunen“ sind. 😉

    • donpozuelo permalink*
      13. Dezember 2009 15:47

      Okay, das stimmt. Die Formulierung war wirklich etwas unklug getroffen. Macht die Aussage des Films zunichte, der ja bei weitem fernab vom Hollywood-Kitsch ist.

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