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Als Hollywood anfing, fies zu werden

23. November 2009

Es ist schon erstaunlich, wie viele Filme gemacht werden, in denen die Hauptfigur ein Fiesling ist. Ich glaube, wenn man eine Untersuchung starten würde, wäre der „Antiheld“ wahrscheinlich öfter vertreten als der wahre Held. Wahrscheinlich ist das einfach darauf zurückzuführen, dass im Bösen mehr Tiefe zu stecken scheint als im Guten. Zumal die Betrachtung des Bösen viel mehr Fragen stellen kann: Warum ist er/ sie so ein böser Mensch? Wie kam es dazu? Was treibt ihn an, etc. Und selbst wenn wir es mit einem „Helden“ zu tun haben – genau betrachtet, muss auch der Held erst richtig fies werden. Dafür gibt es dann aber eine relativ gute Grundlage, die sich meist durch Opfer oder Verluste erklären lässt.

Einfach nur böse Menschen gibt es in Filmen zuhauf. Und dazu noch solche, die durch reale Personen beeinflusst sind. Ein weiteres Beispiel für die fürs Geschäft guten Bösen sind „Bonnie und Clyde“.

Das mordende und raubende Pärchen Bonnie Parker (Faye Dunaway) und Clyde Barrow (Warren Beatty) lernen sich eher zufällig kennen. Von Anfang an ist die Kellnerin aus einem müden Kuhdorf irgendwo in Texas begeistert von dem Draufgänger Clyde. Sie beschließt mit ihm aus ihrem tristen Leben auszubrechen – und so fahren sie in gestohlenen Autos durchs Land und rauben Banken aus. Anfangs haben sie wenig Erfolg, mit der Zeit werden die beiden aber immer besser – und die Liste der Opfer (sowohl Banken als auch Tote) immer länger. Zusammen mit Clydes Bruder Buck (Gene Hackmann) und dessen Frau Blanche) sowie dem etwas naiven Automechaniker C.W.Moss (Michael J. Pollard) ziehen Bonnie und Clyde als die „Barrow-Gang“ durch die USA.

Arthur Penns Film „Bonnie und Clyde“ lässt schon deutlich erkennen, was später unter anderem mit Oliver Stones „Natural Born Killers“ aus dem Stoff des raubenden, mordenden Pärchens alles gemacht werden kann. Der Film war zu seiner Zeit – 1967 – Ausgangspunkt heftiger Kontroversen: Penns Gewaltdarstellung sprengte die bis dahin „anerkannten“ Regeln für Hollywood-Filme. Gewalt in diesem Ausmaß kannte man zwar aus den Italo-Western, aber nicht unbedingt aus den Gangsterfilmen. Und was die Gewalt angeht, kann sich Penn auch mit Filmen der heutigen Zeit messen. Anlässe geben „Bonnie und Clyde“ ja genug. Ständig wird deren Ruhe vom Kugelhagel der Polizei unterbrochen – da rattern die Maschinengewehre, da spritzt das Blut, da sterben Menschen. Wem jetzt nur noch die Medienkritik fehlt, die „Natural Born Killers“ so schön mit einbaut, dem sei gesagt: Auch „Bonnie und Clyde“ nutzen die Medien für sich aus: sie schicken Fotos, Bonnie schreibt sogar ein Gedicht über Clyde, das veröffentlicht wird – für das „gemeine“ Volk sind Bonnie und Clyde scheinbar so etwas wie Robin Hood – da sie den einfachen Leuten in den Banken, die sie überfallen, ihr Geld lassen.

Faye Dunaway und Warren Beatty geben ein ausgezeichnetes Pärchen ab. Vor allem die Dunaway kann hier hervorragend mit ihren Reizen spielen. Interessanterweise braucht Beattys Clyde relativ lange, bis er diesen Reizen erliegt. Teilweise möchte man meinen, Clyde sei schwul – mehrfach betont er vor Bonnie, er sei kein Liebhaber (inwieweit das auf den echten Clyde zutreffen mochte, weiß ich leider nicht). Aber als die beiden „endgültig“ zueinander finden, ist es schon zu spät. In einer wirklich spektakulären letzten Szene lässt Arthur Penn seine Protagonisten in einem unbarmherzigen Kugelregen untergehen.

Anfangs waren sich Kritiker uneinig, was „Bonnie und Clyde“ anging. Aber aus dieser Uneinigkeit kam die Überzeugung, dass dieser Film genau den Nerv der Zeit getroffen haben musste. Dass der Film ein Klassiker ist, kann man schlecht abstreiten. Dennoch habe ich dreit zwei winzige Kritikpunkte:

  1. Man hätte ihn nicht in Farbe drehen sollen. Vielleicht liegt es an der schlechten DVD-Fassung, aber ab Mitte des Films verschlechtert sich die Farbqualität etwas. In Schwarz-Weiß hätte ich mir den Film zudem irgendwie noch etwas eleganter vorgestellt – denn gerade Dunaway und Beatty haben etwas von den alten Filmstars der farblosen Filme.
  2. Der Film springt immer von Episode zu Episode: Banküberfall, Pause, Polizei kommt, Flucht und wieder von vorne. Mit der Zeit wird das etwas eintönig. Außerdem wagt Penn nur ein einziges Mal den Versuch, etwas mehr auf die Menschlichkeit der beiden Protagonisten zu schauen, wenn sie zusammen Bonnies Mutter besuchen.

Dennoch: „Bonnie und Clyde“ ist ein spannender Film, der einige Längen hat, dafür aber durch tolle Schauspieler und knallharte Effekte und ein besonders fieses Ende entschädigt. Und auch hier muss man sich fragen: Sollen wir Mitleid mit den beiden armen Seelen haben oder nicht? Darf man das überhaupt???

Wertung: 7 von 10 Punkten (blonde Schönheit und feiner Beau im Hagel blauer Bohnen – sehenswert)

6 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    23. November 2009 14:40

    Über den Film kann ich nichts sagen (außer, dass ich ein Faible für Antihelden habe). Aber: „Natural Born Killers“ ist von Oliver Stone, nicht von Ridley Scott. 😉

  2. donpozuelo permalink*
    23. November 2009 15:37

    Autsch… Anfänger-Fehler… und das mir….

  3. 24. November 2009 18:50

    Penns Gewaltdarstellung sprengte die bis dahin „anerkannten“ Regeln für Hollywood-Filme

    Jetzt weißt du auch, warum der Film in Farbe gedreht worden ist (also wegen deinem Kritikpunkt unten im Text): Denk mal nur an das Finale das Films, und mit welcher für die damaligen Zeit ungewohnten Drastik dort Gewalt visualisiert worden ist. Schwarz/Weiß hätte das wieder deutlich abgeschwächt, da muss man ja z.B. nur mal an „Sin City“ denken, indem ein Teil der exzessiven Gewalt durch die fehlende Farbe wieder abgeschwäcth wird.

    • donpozuelo permalink*
      24. November 2009 21:33

      Hallo C.H., willkommen…

      Ich gebe dir Recht, dass die Farbe die Gewalt natürlich noch viel extremer erscheinen lässt. Dass das durch Schwarz-Weiß abgeschwächt wird, hat man neben „Sin City“ ja auch in „Kill Bill Vol. I“ deutlich zu spüren bekommen. Dennoch finde ich, dass „Bonnie und Clyde“ auch in Schwarz-Weiß sehenswerter gewesen wäre. Ob er dann natürlich ebenso kontrovers diskutiert worden wäre, ist dann schon wieder fraglich. Wahrscheinlich aber nicht.

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