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Sind wir Loser?

26. Oktober 2009

Diese Frage stellen sich Burt (John Krasinski) und seine Freundin Verona (Maya Rudolph). Die beiden sind Mitte 30, unverheiratet (Verona sieht keinen Sinn darin) und erwarten ein Kind. Doch der größte Schock wartet noch auf die beiden: Burts Eltern gestehen bei einem gemeinsamen Essen, dass sie nach Belgien ziehen und somit die ersten zwei Jahre ihres Enkels verpassen werden. Burt und Verona, die nur wegen Burts Eltern in ihrem kleinen, mehr als nur baufälligen Häuschen hausen, entscheiden sich, ihr Kind an einem anderen Ort aufwachsen zu lassen. Da sie beide aber keine Ahnung haben, wie und wo sie das machen sollen, entscheiden sie sich für eine Reise quer durch die USA. Die einzelnen Stationen ihrer Reise sind Inhalt von Sam Mendes‘ neuem (und fünften) Film „Away We Go – Auf nach Irgendwo“.

Sam Mendes hat schon mit seinem großartigen Spielfilmdebüt „American Beauty“ bewiesen, dass er die amerikanische Gesellschaft auf sehr ironische Weise beleuchten und dabei die Doppelzüngigkeit eben dieser Gesellschaft entschlüsseln kann. „American Beauty“ zeigt uns auf eindrucksvolle Weise, wie es hinter der Fassade der angeblich heilen Welt einer US-Familie aussehen kann. Auch in seinem vorletzten Film „Zeiten des Aufruhrs“ dekonstruierte Mendes gekonnt die heile Welt eines amerikanischen Pärchens. Dieses Mal aber ohne Ironie, sondern mit sehr viel Tragik. Mit „Away We Go“ kehrt Mendes wieder ein wenig zum Schema „American Beauty“ zurück und versucht auf tragisch-komisch Weise einen Blick auf die Menschen zu werfen:

Burt und Verona begeben sich auf eine Odyssee quer durch Amerika. Angetrieben von Selbstzweifeln besuchen die beiden verschiedene Menschen, von denen sie hoffen, dass sie ihnen helfen können. Doch ob Veronas ehemalige Chefin, die eine grässliche Rabenmutter ist oder Burts Kusine, die eine schräge, alternative Hippie-Braut mit mehr als nur zweifelhaften Ansichten in Bezug auf Kindeserziehung ist – eine Antwort werden Burt und Verona bei ihren „Freunden“ nicht finden.

„Away We Go“ präsentiert uns eine Vielzahl von Eltern-Typen und genau wie Burt und Verona können wir eigentlich nur mit dem Kopf schütteln. Mit den Hauptfiguren reifen wir und gelangen zu der Überzeugung, dass es keine Wahrheit gibt, wie man ein Elternteil wird. Mendes bringt die skurrilsten und aberwitzigen Figuren auf die Leinwand. Ein wahres Händchen beweist Mendes aber sein größtes Geschick: Burt und Verona sind liebenswert und anders. Sie sind vielleicht eins der normalsten Liebespärchen, die ich im Kino erlebt habe: er groß und schlaksig verkauft Versicherungen, sie ist klein, etwas dynamischer als ihr Freund und malt das Innenleben von Toten (fragt jetzt bitte nicht, was das für ein Job ist). Burt und Verona sind kein Hollywood Pärchen der Marke wunderschön, sondern auf ihre Weise wunderschön normal. Die Figuren sind einfach liebenswert: Als Verona sich beschwert, dass Burt sich nie aufregt oder die Stimme erhebt, wird daraus ein kleiner Running Gag, indem Burt an unerwarteten Stellen ziemlich laut wird (und vor allem im Zug oder im Flugzeug für komische Blicke sorgt).

Der Film beginnt als skurrile Komödie, kippt aber zwischendurch ein wenig. Vor allem mit ihren Besuchen in Montreal bei ehemaligen Kommilitonen und in Miami bei Burts Bruder rutscht „Away We Go“ ein wenig zu stark ins Dramatisch-Tragische und verliert ein wenig die Komik. Und dennoch sind auch diese Momente wichtig für die Entscheidung, die Burt und Verona am Ende treffen.

„Away We Go“ – ein klassischer Sam Mendes – ein Feel-Good-Movie mit Hintergedanken, ein strafender Blick auf das merkwürdige Verhalten reifer Menschen als Eltern und die ewige Frage: Können wir bessere Eltern/ Menschen sein? Man lacht, man denkt nach, man vergisst die Zeit: Wenn es dann plötzlich heißt: „ZU HAUSE“, dann will man eigentlich gar nicht, dass die beiden zu Hause ankommen und gönnt es ihnen doch umso mehr, weil sie noch stärker gefestigt dastehen als vorher. Und nein, sie sind keine Loser. Zumindest nicht weniger oder mehr als alle anderen. Nur liebenswerter sind sie geworden.

Wertung: 9 von 10 (ein weiterer genialer Film eines großartigen Regisseurs – nur weiter so, Herr Mendes)

2 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    26. Oktober 2009 16:56

    Dass „American Beauty“ mich schlichtweg begeistert hat – und immer noch begeistert – weißt du ja. Nun habe ich bei „Jarhead“ festgestellt, dass meine Erwartungshaltung an jeden neuen Mendes-Film dadurch derart immens ist, dass der ihr unmöglich gerecht werden kann. Was schade ist, denn „Jarhead“ war wirklich ein toller Film, den ich unter anderen Umständen sicher mehr genossen hätte. Eine zweite Chance werde ich ihm aber auf jeden Fall noch gönnen, mit leicht heruntergeschraubten Erwartungen, und mich dann auch an Mendes‘ restliche Filme heranwagen.

    • 26. Oktober 2009 17:46

      das solltest du auf jeden fall tun. Vor allem „Zeiten des Aufruhrs“ ist wirklich der Hammer.

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