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Ein kleiner grüner Kaktus

23. Oktober 2009

Jara (Horacio Camandulle) ist ein Gigant. Da ist es nur passend, dass Adrían Biniez‘ Film den gleichen Namen trägt: „Gigante“. Die argentinisch-uruguayisch-deutsche Produktion erzählt uns eine der besten Liebesgeschichten, die 2009 bis jetzt zu bieten hatte und das auf eine ruhige, fast schläfrige Art und Weise – langsam und behäbig wie ein Gigant halt.

Langsam und behäbig – das soll jetzt aber nicht bedeuten, dass der Film zum Einschlafen einlädt:

Jara arbeitet nachts als Wachmann in einem Supermarkt. Seine Nächte bestehen daraus, sich wach zu halten und die Nachtschicht per Sicherheitskamera zu beobachten. Eines Nachts fällt dem schüchternen, stillen Jara die hübsche Julia (Leonor Svarcas) auf. Sie wird die neue Konstante in Jaras sonst eher tristem Leben und schnell verliebt er sich in sie. Statt ihr aber seine Liebe zu gestehen, folgt er ihr auf Schritt und Tritt – erst nur Dank der Videokameras im Supermarkt, später auch außerhalb der Arbeit. Durch sein „Stalkertum“ lernt er Julia kennen und noch mehr lieben.

„Gigante“ ist ein stiller Film, der fast vollständig auf Jara reduziert wurde. Wir lernen ein wenig von seinem Umwelt kennen – gerade so viel, dass es ausreicht, um die Figur des stämmigen Mannes zu verstehen. In langen Einstellungen setzt Regisseur Biniez seinen Schauspieler ins Bild und verlässt sich ganz auf die Wirkung seines Hauptdarsteller. Der Film lebt von einem Hin und Her, dass durch Jaras Behäbigkeit beim Zuschauer entsteht: nach einer Weile möchte man mit dem Riesen schimpfen, dann möchte man ihn wieder einfach nur umarmen und Trost spenden. Der Metal-Fan (dessen zwei einzige T-Shirts von Biohazard und Motörhead zu sein scheinen) tut sich schwer, an Julia heranzutreten. Dass er durch seine Schüchternheit zum Stalker wird, verzeiht man ihm – vor allem dann, wenn es zu Situationen führt, die ihn in für ihn ungewohnte Situationen bringen: so verfolgt er Julia in ein Kino, verpasst aber, in welchen Film sie geht: Horror oder Liebesschnulze. Der Liebhaber der harten Musik entscheidet sich für die Liebesschnulze und muss zusammen mit dem Zuschauer erkennen, dass Julia sich tatsächlich im Horrorstreifen befindet.

„Gigante“ reiht sich in die Filme ein, die ohne viel Gerede auskommen und wird so zu einer Liebeskomödie, die stärker auf den Zuschauer wirkt als man gedacht hätte: Es wirkt einfach realistischer. Das Filmplakat stellt zudem die Frage: „Soll man der Frau, die man begehrt, einen Kaktus schenken?“, denn genau das tut Jara. Jara muss man einfach mögen, vielleicht auch deswegen, weil man ihn gut verstehen kann, wenn man selbst mal in einer ähnlichen Situation war und einfach nicht den Mund aufmachen konnte.

Der Film von Biniez ist schlicht gehalten und geht dennoch auf wie ein Kuchen im Ofen: mal komisch, mal tragisch-traurig gelingt es dem Film dennoch sich von einigen gängigen Klischees fernzuhalten und somit den Zuschauer auch zu überraschen. „Gigante“ wurde 2009 auf der Berlinale gleich mit drei Preisen ausgezeichnet (u.a. auch mit dem Silbernen Bär).

Die Thematik „Wachmann verliebt sich im Supermarkt“ hatten wir zwar schon durch Kevin James‘ „Der Kaufhaus-Cop“, aber „Gigante“ ist wesentlich feinfühliger und herzlicher. Ein schöner stiller Film über die Liebe, der erst am Ende seine beiden Figuren zusammenführt.

Wertung: 9 von 10 Punkten (Ja, man kann der Frau, die man begehrt, auch mal einen Kaktus schenken – man sollte sie aber vorher in „Gigante“ schicken, damit sie Bescheid weiß)

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