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Biblische Betrüger

9. Oktober 2009

Kinder von berühmten Schauspielern haben es nicht immer einfach. Entweder sie entscheiden sich für ein Leben, wie das ihrer Eltern oder sie brechen aus und werden was ganz anderes. In den meisten Fällen kann man aber wohl davon ausgehen, dass sie sich für den „einfacheren“ Weg entscheiden – immerhin kann man so die Beziehungen und den Namen der Eltern benutzen, um selbst etwas aus sich zu machen. Ein Problem, dass dabei nur zu häufig auftritt, ist, dass die Kids schon relativ früh, ins Rampenlicht geraten. Und seien wir mal ehrlich, von den Kinderstars gibt es doch kaum welche, die nicht abgestürzt sind: Wer weiß schon, was Macaulay Culkin heute macht oder Haley Joel Osment? Gefeiert wurden sie alle als Kinder, heute bemitleiden wir sie für ihre Drogen- und Alkoholprobleme.

Ein weiteres Kinder-Star-Schicksal bietet Tatum O’Neal, die Tochter von Ryan O’Neal, dem blonden Schönling aus „Love Story“ und „What’s Up, Doc?“.

Peter Bogdanovich suchte lange Zeit für ein perfektes Vater-Tochter-Gespann für seinen Film „Paper Moon“, landete schließlich bei der Familie O’Neal und sorgte dafür, dass das kleine Töchterchen ihrem Vater mächtig die Show stiehlt: Ryan O’Neal spielt Moses Pray, ein kleiner Betrüger, der im Amerika der Großen Depression 1935 durch das Land fährt und arme Witwen mit angeblich bestellten Bibeln übers Ohr haut. Auf der Beerdigung einer Prostituierten, mit der Moses eine Affäre hatte, wird ihm aufgetragen, die junge Tochter Addy (die möglicherweise auch seine Tochter sein könnte) zu ihrer Tante zu fahren. Die Fahrt mit Addy erweist sich als schwierig und lohnend zugleich: Addy raucht und flucht zwar, erweist sich aber schnell als äußerst nützlich für Moses‘ Betrügereien.

„Paper Moon“ ist ein witziges Road-Movie in Schwarz-Weiß. Orson Welles selbst, ein Busenkumpel von Bogdanovich, hatte den Regisseur dazu überredet, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen: Angeblich sei Schwarz-Weiß der Freund des Schauspielers. Diese Erklärung will ich eher gelten lassen, als Bogdanovichs zweite Begründung, der Film spiele 1935 und da gab es noch keine Farbfilme (zum Glück hat er keinen Film über Urzeitmenschen gedreht J). Aber natürlich hat Orson Welles eher Recht: die Schwarz-Weiß-Bilder sehen großartig aus und sorgen gleichzeitig dafür, dass  viel von dieser Großartigkeit von den Schauspielern ausgeht. Und die sind wirklich sehr, sehr gut: Vor allem die kleine Tatum zeigt hier eine beachtliche Leistung. Immerhin verwendet Bogdanovich oft (v.a. bei den Autofahrten) einzelne, sehr lange Einstellungen, wodurch kleine Fehler nicht durch Montage weggeschnitten werden können, sondern die ganze Szene noch einmal wiederholt werden muss (laut Bogdanovich benötigte das Filmteam 2 Tage, um die Szenen im Auto zu drehen). Aber Töchterchen und Väterchen machen ihre Sache mehr als nur gut: der leicht nervöse Möchtegern Moses hat arg zu kämpfen mit der trotzigen Addy, die ihn zu mehr Geld bringt, aber ihn ihm auch eine Vaterfigur sieht, die sie ganz für sich alleine haben will.

Tatum O’Neal wurde 1974 für ihre Rolle als Addy mit dem Oscar als Beste Nebendarstellerin geehrt. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 10 Jahre alt. Damit ist sie nach Shirley Temple, die ihren Oscar mit 6 Jahren bekam, die jüngste Oscar-Gewinnerin aller Zeiten. Und was hat es ihr gebracht? Sie wurde in den 70er Jahren zu einem der bekanntesten Kinderstars Amerikas und später von Heroin und Crack abhängig. Ein Schicksal, das sie mit vielen Kinderstars teilt.

Nichtsdestotrotz, „Paper Moon“ ist ein tolles Road-Movie mit einer grandiosen Tatum O’Neal. Der Film versprüht den typischen Witz von Peter Bogdanovich und ist in tollen Schwarz-Weiß-Bildern fotografiert. „Paper Moon“ gelingt es, die Balance zwischen Melodramatik und Komik zu halten und wird – Gott sei Dank – an keiner Stelle kitschig oder albern. Zwar kann man das Ende vorausahnen, aber der Weg dahin ist alle Mal sehenswert.

Wertung: 9 von 10 Punkten (liebenswertes Road-Movie in Schwarz-Weiß [dank Orson Welles])

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