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Galgenmännchen

8. Oktober 2009

Trevor Reznik hat seit einem Jahr nicht mehr geschlafen. Sein Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von täglichen Abfolgen: zur Arbeit gehen, zur Nutte Stevie gehen, abends im Flughafen-Café mit der Kellnerin Maria zwei Worte wechseln. An Schlaf ist bei Trevor nicht zu denken. Und der Schlafmangel ist sichtbar: Trevor ist ein wandelndes Skelett, dass nur noch durch Haut zusammengehalten wird. Als wenn Trevors Leben nicht schon schlimm genug wäre, verursacht er einen Arbeitsunfall, bei dem ein Kollege einen Arm verliert. Von nun an beäugt die Kollegschaft ihn argwöhnisch. Als Trevor dann die Schuld an einem Arbeiter zuschieben will, den es gar nicht gibt, fängt die Paranoia an. Schlimmer wird es nur noch als ein kleiner Klebezettel an Trevors Kühlschrank hängt: jemand will mit ihm Galgenmännchen spielen: „_ _ _ _ E R“.

„The Machinist“ reiht sich in die Nachahmer zu „The Sixth Sense“ ein: der Film ist wie eine Seifenblase, die wächst und wächst und wächst, uns immer wieder mit neuen, verwirrenden Informationen füttert und uns schließlich ebenfalls in die Paranoia des Trevor Reznik führt. Aber irgendwann platzt die Blase und wir erkennen, warum Trevor der Mann ist, der er geworden ist: schlaflos, rastlos und unruhig.

Eigentlich hätte man den Film auch in Schwarz-Weiß drehen können, denn um Trevors tristes Leben besser auf Film bannen zu können, verzichtet Regisseur Brad Anderson weitgehend auf Farben. Alles erscheint nur in schwachen Blau- und Grautönen. Dieser Umstand verstärkt gleichzeitig die Wirkung von Trevors Erscheinungsbild selbst: Trevor Reznik wird von Christian Bale gespielt (am besten bekannt als muskulöser Batman, John Connor oder Patrick „American Psycho“ Bateman). Aber Bale ist ein Befürworter des method acting: Was der Schauspieler spielen soll, muss er selbst durchleben. Dementsprechend hungerte sich Bale 30 kg runter und sieht erschreckend aus: komplett abgemagert – kein Vergleich zu seinem normalen Selbst. Es wirkt aber, es schockt vielmehr – auf der einen Seite fragt man sich, wie sich jemand so etwas selbst antun kann, auf der anderen Seite kann man seine Hingabe zu seiner Rolle nur bewundern. Wenn einem bei diesem Film nichts in Erinnerung bleibt, das Bild des abgemagerten Bale bleibt für immer.

Ich habe „The Machinist“ als Nachahmer von „The Sixth Sense“ beschrieben. Das stimmt natürlich nur insofern, als dass die große Überraschung erst am Ende des Films kommt. Anders als bei „The Sixth Sense“ sind überall im Film kleine Hinweise verstreut, die einen aufmerksamen Zuschauer in eine ganz bestimmte Richtung lenken: so ist zum Beispiel die Geisterbahn „Route 666“, durch die Trevor fährt, schon sehr deutlich in ihren Andeutungen zum eigentlichen Plot des Films (und: so viel kann ich wohl verraten: es geht nicht um Geister).

„The Machinist“ ist ein stimmungsvoller, unheilschwangerer Psychothriller mit einem erschreckenden Christian Bale. Der Film fordert den Zuschauer zum Rätseln auf – zum Teil liegt das aber auch daran, dass sonst nicht weiter viel passiert. Wir können nur Reznik verfolgen und sein Rätsel lösen. Dadurch dass der Zuschauer mit in Rezniks Wahn genommen wird, hat „The Machinst“ eine unheimliche Wirkung. Ich frage mich allerdings, inwieweit diese Wirkung bei einem zweiten Gucken anhält. Beim zweiten Mal versteht man wahrscheinlich die Hinweise schneller. In der Hinsicht unterscheidet sich „The Machinist“ von „The Sixth Sense“ (da fielen mir viele Sachen erst beim zweiten Mal wirklich auf). Nichtsdestotrotz ist „The Machinist“ für Fans von intelligenten Thrillern ein Muss.

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein abgemagerter Christian Bale und jede Menge Fragen)

3 Kommentare leave one →
  1. 8. Oktober 2009 16:22

    Ich freue mich schon darauf, wenn die DVD Special Edition als Abo-Prämie eines Filmmagazins endlich bei mir eintrudelt. Über den Film habe ich ja schon viel gutes gehört und Bale bietet mittlerweile schon alleine einen Grund seine Filme zu schauen.

  2. 8. Oktober 2009 17:26

    Auf jeden Fall! Den bale aus „The Machinist“ vergisst man nicht mehr so schnell. Obwohl er ja im Moment wieder für einen Film so extrem abgenommen haben soll. Der gute Mann treibt method acting vielleicht eine Nummer zu weit… aber das ist Ansichtssache. Bei „The Machinist“ wirkt es auf jeden Fall

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