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Zwei Espresso in separaten Tassen, bitte!

25. September 2009

Ein Mann im feinen Anzug reist durch Spanien – insgesamt hat er auf seiner Reise drei Stationen. In jeder neuen Stadt, jedem neuen Dorf wartet er auf bestimmte Personen, die ihm eine Streichholzschachtel geben. In dieser Schachtel ist immer ein kleiner Zettel mit einer scheinbar verschlüsselten Botschaft drauf, die sich der Mann anschaut und dann mit einem Schluck Espresso runterspült. Irgendwann geht es dann weiter – zum nächsten Ort, zu den nächsten „Informanten“, zu den nächsten Streichholzschachteln und zu den nächsten einseitigen Gesprächen, in denen der unbekannte Mann kaum ein Wort, sein Gegenüber aber immer sehr viel erzählt.

Ich weiß nicht, was ich von „The Limits of Control“ von Jim Jarmusch halten soll. Einerseits habe ich mir nach dem Film gedacht: „Oh, mein Gott, was für ein Film!“ (im negativen Sinne), andererseits war ich auf eine nicht näher zu beschreibende Art und Weise begeistert. So ähnlich reagierten auch Kritiker: den einen war der Film zu elitär (was immer das auch bedeuten mag), während andere den Film in höchsten Tönen lobten. Verständlich wird das Ganze wirklich erst, wenn man den Film selber gesehen hat: Es wird deutlich, dass „The Limits of Control“ kein gewöhnlicher Film ist (aber hat Jarmusch jemals einen gewöhnlichen Film gemacht? Was ist ein gewöhnlicher Film?). In einem Interview mit dem „Stern“ soll Jarmusch gesagt haben: „Die [Geschichte] ist zweitrangig. Es gibt eine Geschichte, aber eher versteckt. Ich lasse die dramatischen Dinge gern weg. Mich interessieren eher die Charaktere und ihre Interaktionen. Ich zeige, wie meine Figuren Dinge anschauen und dabei die Zeit vergeht.“(stern.de)

Die Geschichte ist zweitrangig – eine äußerst mutige Aussage, die zu einem noch mutigeren Film führt. Schließlich weiß man als Zuschauer eigentlich rein gar nichts – wir beobachten diesen stummen Mann, der von Ort zu Ort reist und sich mit Leuten trifft. Wir kennen weder sein Ziel noch seine Motivation und trotzdem warten wir mit Spannung auf die nächste Person, die da auf ihn zu kommt: Vielleicht löst sie das Rätsel um den geheimnisvollen Mann. Jarmusch erzeugt so auf eine bedächtige Weise Spannung. Gleichzeitigt wiederholen sich viele Dinge: der Mann bestellt immer zwei Espresso, seine „Informanten“ stellen immer die gleiche Frage, immer wieder kreist ein schwarzer Helikopter nicht weit entfernt vom Standpunkt des Mannes. Man wird hier auf Kleinigkeiten aufmerksam gemacht, in der Hoffnung, sie könnten zur Lösung des Rätsels beitragen. Meist geschieht das aber nicht.

Isaach De Bankolé spielt den Unbekannten ohne auch nur mehr als einen vollständigen Satz zu sagen. Meist beschränkt er sich auf ein „Yes“ oder „No“. Bankolé hat dennoch eine unglaubliche Leinwandpräsenz, die nur noch mehr zu dem Mysterium des Mannes beiträgt, der in jeder Stadt einen neuen Anzug anzieht und morgens den Tag mit Tai Chi beginnt. Neben Bankolé spielen unter anderem Bill Murray, Tilda Swinton, Gael Garcia Bernal und John Hurt mit. Dass sich diese „Großen“ in solch kleine Rollen bei Jarmusch unterordnen, zeugt wohl davon, welchen Ruf der Regisseur hat.

„The Limits of Control“ ist kein normaler Thriller und folgt auch nicht den Regeln des Genres. Am Ende scheint es so, als wäre der Unbekannte ein Geist, der durch Wände schwebt – schließlich wissen wir nicht, wie er in das schwerbewachte Haus des Amerikaners (Bill Murray) gelangt und trotzdem sitzt er da auf der Couch. Jarmusch schafft ein Mysterium, ein Porträt über einen Mann, das jeder für sich interpretieren muss. Es gibt keine Grenzen, nichts wird kontrolliert – jeder muss selbst entscheiden. Somit macht es vielleicht eher Sinn, sich an das zu halten, was die Blonde Tilda Swinton) sagt: „Die besten Filme sind wie Träume, bei denen man sich nicht sicher ist, ob man sie hatte.“

Wertung: 9 von 10 Punkten (allerdings eine ganz, ganz, ganz persönliche Wertung: wer Filme wie „Hana-Bi“ mag, der wird wohl auch Gefallen an „The Limits of Control“ finden)

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