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Just A Normal Girl Who Hates Herself

18. September 2009

Der junge Teenager und seine alltäglichen Probleme – das ist schon immer ein guter Stoff für Filme gewesen: mal als Komödie, mal als Drama und oft mit der Hoffnung den Nerv der Zeit zu treffen. James Deans „Rebel Without A Cause“ fällt mir da am ehesten ein – für ein Beispiel, das zu seiner Zeit funktioniert haben mag. Aber heutzutage sind wir übersättigt mit Teenie-Filmen. Da ist es angenehme, etwas Neues in die Finger zu bekommen:

Tracey Berkowitz ist eine normale 15-Jährige: unscheinbar und scheinbar unsichtbar. In der Schule gehänselt, von den Eltern nicht verstanden. Als dann auch noch ihr kleiner Bruder Sonny verschwindet, geht Traceys einzige Normalität im Leben verloren. Auf der Suche nach Sonny dringt Tracey in eine dunkle Welt ein, auf die sie nicht vorbereitet ist.

„The Tracey Fragments“ ist ein äußerst interessantes Kinoexperiment. Regisseur Bruce McDonald hält sich an den Titel und bietet uns nur Fragmente aus Traceys Leben. Wie in Joyces „Ulysses“ ist der ganze Film eine Art „stream of consciousness“: Bild im Bild im Bild – Split-Screen und Überblendungen. Wie bei Joyce sehen wir Traceys Gedanken ohne Punkt und Komma. Was sie sieht, denkt oder fühlt, McDonald verpackt es für uns in kleine Fragmente und serviert sie uns frei nach dem Motto: „Such dir was aus!“. Da verwundert es nicht, wenn auf 14 Drehtage fünf bis sechs Monate im Schneideraum kommen, denn im ganzen Film gibt es kaum eine Szene, die nicht auf irgendeine Art zum Split-Screen oder Bild im Bild wird. Der Film erlangt durch die besondere Montage auf 80 Minuten eine unglaubliche Fülle, die uns viel tiefer in die Psyche der 15-Jährigen dringen lässt als man es für möglich gehalten hätte. Da verschwimmen Realität und Fantasie – und können in Form der kleinen Bausteine wieder zusammengesetzt werden.

Ellen Page (den meisten bekannt aus „Juno“ oder „X-Men 3“; vielleicht aber auch aus „Hard Candy“) liefert als Tracey eine ebenso vielschichtige Performance wie der Film selbst: mal ist sie schüchtern, mal sexy, mal trotzig, mal rebellisch, dann wieder ungemein zerbrechlich. (Von Ellen Page können wir bestimmt noch einiges erwarten.)

„The Tracey Fragments“ ist ein Filmexperiment, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Zugegeben, die Story ist vielleicht nichts Neues, aber die Art und Weise, wie der Film die Story erzählt, ist spannend zu sehen – ein bisschen wie bei „Memento“ wird erst einiges vom Ende preisgegeben und durch den Film hindurch fügen sich die Fragmente zu einem Gesamtbild ab. Ich hätte nie gedacht, dass ich das sage: Aber dieser Film ist allein wegen seines Zusammenschnitts empfehlenswert. Damit ähneln sich „Memento“ und „The Tracey Fragments“ dann irgendwie doch: die Story gerät schnell in den Hintergrund und man erinnert sich später nur an die filmtechnischen Dinge – der eine Film wird rückwärts erzählt, der andere in tausend kleinen Bildern (und auch ein bisschen rückwärts, aber nur ein bisschen).

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein gelungenes, außergewöhnliches Porträt eines Teenagers)

10 Kommentare leave one →
  1. 18. September 2009 08:24

    Hört sich interessant an! Habe den Film mal auf meine Amazon-Wunschliste gepackt, sobald er sich der 10€ Marke nähert, schlag ich vielleicht mal zu. Obwohl er ja bei IMDB eher bescheiden ankommt.

    • donpozuelo permalink*
      18. September 2009 08:43

      Kann ich etwas verstehen. Wenn man sich nicht von der Machart des Films mitreißen lässt, könnte man sicherlich schnell das Interesse verlieren. Es ist aber trotzdem ein sehenswerter Film – wenn auch mehr aus technischer Perspektive

  2. 18. September 2009 19:07

    Ah, schon wieder ein Film, den ich noch sehen muss, mit „Memento“ sind’s gleich zwei neue auf der „Have-to-watch-list“, woher soll ich bloß die Zeit nehmen?

    • donpozuelo permalink*
      19. September 2009 09:06

      Sorry 🙂 vielleicht sollte man die Wissenschaft daran ansetzen, eine zeitlose kapsel zu bauen, in der man so was alles nachholen kann. oder zeit-anhalte-fähigkeiten wie bei dieser alten serie „mein vater ist ein außerirdischer“

  3. 25. November 2012 14:05

    Na, den Film habe ich ja mittlerweile auch schon gesehen – und da gab es ja seinerzeit auch eine kleine Unterhaltung über den Film. Ich finde ihn einfach interessant gemacht und wenn Ellen Page irgendwo irgendwie mitmacht, ist das ohnehin Grund genug, sich den Film anzusehen.

    • donpozuelo permalink*
      25. November 2012 14:44

      „The Tracey Fragments“ ist wirklich sehr sehenswert. Mich hat das damals ziemlich umgehauen, auch wenn ich jetzt ehrlich gesagt nicht mehr sagen könnte, worum es genau ging. Es war einfach nur genial… sollte ich mal wieder gucken.

  4. 25. November 2012 15:13

    Sacht mir immer noch nischt. Ist wahrscheinlich eher was für die Jungen.

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