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Dunkles Wien

15. September 2009

Ich liebe alte Schwarz-Weiß-Filme. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich finde, dass die Filmemacher damals teilweise ein besseres Gefühl für ihre Figuren hatten. Statt großer Effekte ging es darum, die Figuren eine Geschichte erzählen zu lassen. Gut, zudem kommt noch ein einzigartiger Look: die alten Autos, die Männer immer im Anzug, mit Hut und Mantel, die Frauen immer ein Hingucker wert. Sicherlich lässt sich das nicht für alle Filme sagen, aber zumindest für die, die ich selbst gesehen habe. 🙂

Und seit gestern zählt dazu auch Carol Reeds „Der Dritte Mann“.

Der Schriftsteller Holly Martins wird von seinem Freund Harry Lime nach Wien eingeladen – ein Wien nach dem Zweiten Weltkrieg (viergeteilt und in Ruinen). Bei seiner Ankunft muss Holly aber feststellen, dass Harry einen schweren Autounfall hatte und gestorben ist. Zumindest scheint es so… Holly lernt schnell, dass etwas mit dem Tod seines Freundes nicht stimmt: die Aussagen von Harrys Freunden stimmen nicht überein und so macht sich Holly auf die Suche nach dem „Dritten Mann“, der angeblich Harrys Leiche fortgetragen haben soll.

Reeds „Der Dritte Mann“ beeindruckt in erster Linie durch seine Optik. Reed und sein Kameramann (gewann damals auch den Oscar) bedienen sich des deutschen Expressionismus. Daher besteht der Film oft nur aus Licht und Schatten, was das ruinierte Wien und seine engen Gassen, durch die Holly jagt, noch düsterer wirken als Hollys Ermittlungen. Ein weiteres Beispiel für den deutschen Expressionismus sind die schrägen Kameraeinstellungen, weswegen Gerüchten zufolge William Wyler Carol Reed eine Wasserwaage schenkte.

Aber was „Der Dritte Mann“ wohl ewig in Erinnerung bleiben lässt, ist der Soundtrack. Für einen Film, der in Wien spielt, hätte man Wiener Walzer erwartet. Stattdessen bietet uns Anton Karas einen Soundtrack, der komplett mit der Zither gespielt wurde. Die Musik bleibt im Ohr und wurde weltberühmt, dennoch hatte ich hin und wieder meine Probleme damit. In vielen Szenen wirkte sie fehl am Platze (meiner Meinung nach). Zur Unterlegung von Spannung scheint mir die Zither nicht unbedingt geeignet.

„Der Dritte Mann“ ist ein spannender Polit-Film, ein Krimi, ein Thriller und auch eine vorsichtige Liebesgeschichte. Joseph Cottens Holly streift ruhelos durch das kaputte Wien und trifft dabei die skurrilsten Personen, die ihm mehr und mehr offenbaren, dass sein Freund Harry Lime ein durch und durch böser Mensch war. Für Holly kommt es daher als Überraschung, als sich ihm Harry plötzlich offenbart:

Orson Welles („Citizen Kane“) hat insgesamt nicht weniger als 5-6 Minuten Zeit, sein Image als Bösewicht im Film zu zeichnen. Aber allein die erste Szene, in der kurz sein Gesicht angestrahlt wird, sagt sein Gesicht alles, was man über den Charakter von Harry Lime wissen muss. Eigentlich ist es schade, dass Welles nur kurz auftritt, aber gleichzeitig liegt darin auch die Finesse in der Erschaffung der Figur Harry Lime. Von Holly lernen wir den „guten“, liebenswerten Harry kennen. Im Verlauf der Ermittlungen fällt es dann aber immer schwerer, dieses Bild aufrecht zu halten. Wenn sich Harry dann schließlich offenbart, wird klar: Dieser Mann ist böse. Aber auch ziemlich clever. Orson Welles spielt brillant – wenn auch nur kurz, aber er schafft es, einen denkwürdigen Bösewicht auf die Leinwand zu bringen. Dabei wird vor allem sein Kuckucksuhr-Spruch im Gedächtnis bleiben:

„In den dreißig Jahren unter den Borgias hat es nur Krieg gegeben, Terror, Mord und Blut, aber dafür gab es Michelangelo, Leonardo da Vinci und die Renaissance. In der Schweiz herrschte brüderliche Liebe, fünfhundert Jahre Demokratie und Frieden. Und was haben wir davon? Die Kuckucksuhr!“

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein Muss für alle Filmliebhaber)

12 Kommentare leave one →
  1. 15. September 2009 08:23

    Ausgezeichnter Film! Ich bin sowieso begeistert von Orson Welles, was er an bewegter Film- und Radiogeschichte selbst erlebt hat. Cool finde ich, dass er später auch für kleinere und junge Produktionen zu haben war, vielleicht kennst du auch seinen Gastauftritt bei Moonlighting mit Bruce Willis und Cybill Shepherd. Eine Biografie in Buchform suche ich noch. Tipp?

    • donpozuelo permalink*
      15. September 2009 09:26

      Bücher über Welles gibt es zahlreiche. Du hast also die Qual der Wahl. Gut rezensiert wurden u.a.:

      Bert Rebhandl: Orson Welles. Genie im Labyrinth. Wien 2005.
      Eckhard Weise: Orson Welles. Reinbek 1996
      Orson Welles und Peter Bogdanovich: Hier spricht Orson Welles. Weinheim 1994 (das dürfte bestimmt sehr interessant sein)

      Den Gastauftritt, den du meinst, kenne ich nicht. Dafür kenne ich seinen Auftritt im „Muppet Movie“ von 1979 🙂

  2. 15. September 2009 20:22

    Ich glaube, ich muss bei der nächsten Ausstrahlung den Festplattenrekorder programmieren oder kommt der Film demnächst mal nicht mitten in der Nacht?

    • donpozuelo permalink*
      16. September 2009 06:50

      Das kann ich dir leider nicht sagen. So wie es aussieht, werden ja momentan alle guten Filme ins Nachtprogramm geschoben. Ich weiß aber nicht, wann der Film wiederholt wird.

    • donpozuelo permalink*
      16. September 2009 10:07

      sag jetzt nicht, dass ist der komplette film??? ist ja krass… bekommt google da keine urheberrechtsprobleme, wenn die das einfach so freigeben???

      • 17. September 2009 16:52

        Rechtlich weiß ich da nicht genau Bescheid. Aber man findet bei Video Google mit ein wenig Geschick einige alte Filmklassiker, auch ein paar richtig gute Stummfilme.

        • donpozuelo permalink*
          18. September 2009 06:55

          Aha. Das werd‘ ich mir merken.

    • 16. September 2009 18:59

      Cool, dann werde ich demnächst unsere DSL-Leitung ein wenig mehr beanspruchen müssen.

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