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Sex und Verstümmelung zu Therapiezwecken

12. September 2009

Mit diesen krassen Worten könnte man versuchen, Lars von Triers „Antichrist“ zu beschreiben, der seit Donnerstag auch bei uns in Deutschland in den Kinos zu sehen ist. Im Vorfeld wurde ja schon viel über den Film diskutiert und geflucht und gelobt. Die Diskussionen um den Film verstehe ich. Die Flüche über diesen Film bekräftige ich. Lob für diesen Film kann ich beim besten Willen nicht verstehen.

Nach einer Depression versucht sich Lars von Trier wohl selbst zu therapieren, ganz genau so wie die Figuren in seinem makabren Film. Ein Mann (Willem Dafoe) und sein Frau (Charlotte Gainsbourg) haben Sex, als sich ihr kleiner Sohn aus dem Fenster stürzt und stirbt. Die Frau beginnt sich schwere Selbstvorwürfe zu machen und versinkt in tiefer Trauer, während ihr Mann etwas distanzierter auf das Unglück und die Leiden seiner Frau reagiert. Schließlich kommt er sogar zu dem folgenschweren Entschluss, seine Frau selbst zu therapieren – und zwar in einer kleinen Hütte mitten in einem Wald, indem seine Frau vor Wochen verzweifelt versucht hatte, ihre Doktorarbeit zum Thema „Hexenverfolgung“ zu schreiben. Hier im Wald aber offenbaren sich dem Mann und der Frau dunkle Geheimnisse…

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Man soll ja immer etwas Positives zuerst sagen, aber das geht bei diesem Film fast gar nicht. Nur eins vielleicht: Trier teilt den Film in Prolog, 3 Kapitel und Epilog. Sowohl Prolog als auch Epilog sind in Schwarz-Weiß gehalten. Vor allem der Prolog ist eine durch Zeitlupe extrem gestreckte Bilderreihe aus Sex und Tod des kleinen Jungen. Hier im Prolog zeigen sich ein paar optisch tolle Aufnahmen, aber das war’s dann auch.

„Antichrist“ ist kein Horrorfilm, auch wenn er als solcher angepriesen wird. „Antichrist“ gehört eher in die Sparte „Hostel“-Ekel-Film. Lars von Trier verbindet immer wieder Sex mit Gewalt. Wenn sie es nicht gerade miteinander treiben, zerstückeln sie sich halt gegenseitig. Für Triers Depression scheinen Gewalt und Sex scheinbar unmittelbar zusammenzuhängen. Um das Ganze mit etwas Sinn zusammenzuhalten, wirft der Mann (Dafoe) mit oberflächlichen Psychologie-Floskeln um sich, die wir aus jedem Psychotest in einer Frauenzeitschrift tiefgründiger entnehmen können.

Fraglich finde ich auch die oft gelobte Optik des Films. Schon angesprochen hatte ich den Prolog, aber danach verschwindet jegliche schöne Optik. Die „Dogma-95“-typischen Handkameras kommen hin und wieder zum Einsatz, mehr erinnert aber auch nicht an den Trier von damals. Das Bild bleibt die meiste Zeit über ziemlich dunkel und Trier engt das Sehfeld extrem ein. Im dunklen Wald und der dunklen Hütte mag das hin und wieder ein gutes Mittel sein, um Spannung zu erzeugen, aber Spannung will nicht aufkommen. Dafür entscheidet sich Trier nach einer ziemlich langatmigen ersten Hälfte dafür, den Zuschauer mit extremen Bildern zu schocken: ab da dreht die gute Ehefrau nämlich völlig durch, entmannt und verstümmelt erst ihren Mann und legt dann auch bei sich selbst die Schere an. Aus welchen stilistischen Mitteln auch immer lässt uns Trier an diesen Aktionen beteiligt sein und überlässt rein gar nichts der Fantasie: „Nur was wir sehen, das können wir auch glauben!“ scheint sein Motto zu sein, und sehen wir Sachen, die wir im Kino und von einem so bekannten Regisseur nicht sehen wollen.

Ich habe mir den Film aus Neugier angeguckt (man will ja auch immer wissen, worum so viel Lärm gemacht wird). Ich kann an dieser Stelle nur an alle Leser appellieren: SCHAUT EUCH DIESEN FILM NICHT AN. Das ist meinem Wissen nach der größte Schrott, den ich bis jetzt im Kino gesehen habe. „Die Natur ist die Kirche Satans“, meint die Ehefrau. Ich aber sage: „Dieser Film ist nicht einmal Satan als Kirche wert.“

Die Story macht kaum einen Sinn (oder er ist mir nicht aufgefallen), und für einen angeblichen Horrorfilm kommt keine Spannung auf. Dafür bekommen Freunde von SM Sex und Verstümmelung ab der zweiten Hälfte zu sehen.

Dieser Film ist meiner Ansicht nach reine Zeitverschwendung. Ich hätte mir gewünscht, Lars von Trier hätte einen besseren Weg zur Selbstheilung gefunden (oder ihn zumindest nicht mit uns geteilt). Dieser Film ist weder ästhetisch noch emotional ansprechend – einfach nur schauerlich.

Wertung: 1 von 10 Punkten (da meine Liste nur von 1 bis 10 geht, füge ich hier noch 6 Minuspunkte an den Film an – kontrovers? Ja! Aber nicht empfehlenswert – so sieht richtig, richtig beschissenes Kino aus! Tut mir auch Leid, Lars, aber das war nichts!)

ZUSATZ: Ein Interview mit Lars von Trier gibt es HIER. Da kann sich dann jeder selbst ein Bild vom Regisseur dieses verrückten Films machen.

11 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    12. September 2009 10:57

    Das wohl! Der Film war Zeitverschwendung und Schrott und das ist noch eine Beleidigung für den Metallmüll den man häufig genug irgendwo finden kann.

    Beim Versuch für mich selbst zusammen zu fassen was in dem Film eigentlich passiert ist, kann ich nur sagen, dass die Frau bei der Bearbeitung ihrer Doktorarbeit zum Thema Hexenverfolgung im 16.Jhd schlichtweg einen an der Waffel bekommen haben muss und dann schließlich auf gehört hat zu schreiben. Der Knacks blieb und so hat sie beispielsweise ihrem Kind ab dem Zeitpunkt die Schuhe verkehrt angezogen (also linker Fuss und rechter Schuh). Mit dem Tod des Kindes den sie auch noch selbst zu verantworten hatte, da sie dessen Vorstufen auch noch beobachtet hat beim Sex mit ihrem Mann, ist bei ihr die Sicherung dann endgültig herausgeflogen.
    Der Mann der sich für den besten möglichen Therapeuten für seine Frau hält, weil er sie so gut kennt, hat ebenfalls einen an der Klatsche, da er eigentlich wissen müsste, dass er im Leben nicht die nötige Distanz aufbauen kann zu ihr. Er versucht es trotzdem und statt Nähe, Trost und Vergessen, dass jemand in ihrer Situation braucht, bekommt sie Distanz (oft genug unterbrochen von Sex) und den Zwang zu spüren sich ihren Ängsten und Sorgen zu stellen. Natürlich wählt er dazu die abgefuckte Hütte im dunklen Wald in dem sie ihre Hexenverfolgungsarbeit schreiben wollte. Er setzt auch ihre Anti-Depressiva ab. Dazu sieht er immer wieder Zeichen vom Verfall (ein Reh mit einer nicht glatt verlaufenden Geburt(?) oder ein sich selbst fressender Fuchs der ihm dystopischen Scheiß „Chaos regiert“ entgegenschleudert).

    Als Zusammenfassung lässt sich schreiben: Sie ist geistig verwirrt spätestens seitdem sie sich mit dem kranken Müll aus der Zeit der Hexenverfolgungen beschäftigt hat und dreht vollends ab weil ihr Mann ein Idiot und Seelen-Quacksalber ist. Auch ist sein Desinteresse (emotionale Distanz trifft es auch) an seiner kleinen Familie eindeutig Schuld daran, dass er nichtmal gemerkt hat, dass sein Kind ständig die Schuhe verkehrtherum trägt, eindeutig mit Schuld an der stetigen Verschlimmerung der Situation.

    Ebenso wie bei der Anime-Serie Neon Genesis Evangelion kann man deutlich merken, dass von Trier übrle Depressionen gehabt haben muss und so frage ich mich was der Film eigentlich aussagen sollte aber das erübrigt sich eigentlich zu fragen, da es ein von Depressionen geprägtes Werk war..

    Zum Schluss möchte ich sagen, dass meine Gedanken und Interpretationen über den Film mich eher verstört haben als der Film selbst. 2 von 10 würde ich als Film geben. Als Kunstwerk mit dem Zweck (viel zu langatmig) zum Nachdenken über die Geisteskrankheit Depressionen anzuregen würde ich 3 oder 4 geben, da man daran exzelent merkt wie unrund Menschen laufen wenn sie daran leiden.

    • donpozuelo permalink*
      12. September 2009 12:51

      den film als kunstwerk zu bezeichnen, finde ich zwar ziemlich gewagt – allerdings liegt kunst ja auch immer im auge des betrachters, weswegen der film auch schon wieder kunst sein könnte (wofür ich ihn aber keineswegs halte). hier liegt wohl auch der ursprung der kontroverse – aber ich bin immer noch der meinung der film ist nicht einmal die zeit wert, über ihn zu schreiben, weil man ihn schnell wieder vergessen sollte.

      zum glück konnte ich heute nacht ruhig schlafen 🙂

  2. 12. September 2009 21:16

    Den Film wollte ich zwar eh nicht gucken, auch wenn hier und da die Bildsprache gelobt wird, aber diese Rezension hat meine Haltung noch verstärkt.
    Wenn überhaupt, kommt mir der Film eh nur als DVD unter die Augen.

    • donpozuelo permalink*
      12. September 2009 22:30

      ganz ehrlich, dos corazones, für diesen film sollte man echt kein geld ausgeben. da ist selbst die leih-dvd noch verschwendung.

      aber gut, vielleicht muss man auch mal so etwas schlechtes sehen, um das wirklich gute noch mehr hervorheben zu können 🙂

  3. 7. August 2011 15:54

    Ich grübel bei dem Film ja immer, was am schlimmsten ist. Willem Dafoe oder die kranke Geschichte. Ich schätze, es ist eine gute Mischung aus beidem.
    Für mich ist der Film auch nichts. Wenn ich das in einem Gespräch erwähne, muss ich mir meist stundenlange Vorträge über die Bildgewalt und -sprache anhören. Naja. Wems gefällt 😀

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2011 06:27

      Willkommen, Judith!!!
      Ja, diese Gespräche über Bildgewalt und -sprache sind mir bei dem Film auch immer ein Graus. Kann man zwar möglicherweise drüber sprechen, aber bitte erst nach dem Brechreiz 😉

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