Zum Inhalt springen

Jet-Lag and more…

11. September 2009

Ein guter Film hat wirklich alles, eine tolle Story, tolle Figuren, tolles Setting, tolle Musik und noch viel mehr. Ein guter Film erreicht seine Zuschauer schon mit der ersten Szene, packt den Zuschauer und sagt: „Jetzt siehst du einen wirklich guten Film!“ Was sollen wir als Zuschauer also aus einer Anfangsszene schließen, in der wir in einer Großaufnahme den lieblichen Hintern von Scarlett Johansson anstarren dürfen??? Vielleicht: „Sieht nett aus!“ oder „Boahhh!!“, auf jeden Fall ist man schon mal gebunden (höchstwahrscheinlich mit der Frage: „Sehen wir den nochmal?“).

Aber gut, Sofia Coppolas „Lost in Translation“ nur auf Johanssons Hintern zu reduzieren, wäre ein grober Fehler. Zum Glück für uns alle hatte die Tochter von Francis Ford Coppola nach ihren schauspielerischen Ausflügen in „The Godfather“ (die bei Kritikern, wie schon erwähnt, nicht gut ankamen) hinter die Kamera gewechselt und sich bereits mit ihrem zweiten Film als ausgezeichnete Regisseurin etabliert.

„Lost in Translation“ erzählt die Geschichte von Filmstar Bob Harris (Bill Murray) und Charlotte (Johansson). Bob ist in Japan, um für einen Whiskey Werbung zu machen, während Charlotte im Schlepptau ihres Mannes (Giovanni Ribisi) hängt, der sie den ganzen Tag im Hotel versauern lässt. Bob und Charlotte, die sich beide nicht an die fremde Umgebung Japans gewöhnen können, treffen sich in der Hotelbar. Ohne große Vorstellungen beginnen die beiden, gemeinsam die Nächte in den Wirren Tokyos zu verbringen – damit meint die Nacht verbringen aber keinesfalls Sex – soweit führt die Beziehung zwischen Bob und Charlotte nicht: es bildet sich eine Freundschaft, die darauf beruht, dass jeder von ihnen allein in der Fremde ist und einfach jemanden braucht, der sie versteht.

„Lost in Translation“ ist komisch, melancholisch, berührend und anmutig – fast wie ein schöner Song, der einen immer wieder tief bewegt. Ich finde, der Film spielt auf zwei Ebenen: anfangs bleibt er komplett seinem Titel treu und zeigt uns vor allem Bob, der vollkommen „Lost in Translation“ ist. Allein die Szene, in der der japanische Regisseur Bob Anweisungen gibt, die dieser nur von der Dolmetscherin übersetzt bekommt, ist herrlich komisch, zeigt aber auch gleichzeitig, mit welchen Problemen Bob weiter zu kämpfen haben wird. Gerade aufgrund der Verständigungsprobleme gerät Bob in die skurrilsten Situationen (u.a. ein „Gespräch“ in einem Krankenhaus oder sein Besuch bei einem japanischen Talk-Show-Master).

Neben der Komik des Films ist „Lost in Translation“ – ja, was eigentlich: ein Liebesfilm??? Diese Bezeichnung würde dem Film nicht gerecht werden, denn hören wir Liebesfilm, dann erwarten wir bestimmte Situationen und Momente, die uns Coppola aber nicht so bietet. Man merkt zwar deutlich, dass es zwischen Bob und Charlotte funkt, aber auf eine körperliche Beziehung untereinander lassen sie sich nicht ein. Und gerade das macht die Beziehung, die die beiden haben, so viel intensiver: Beide brauchen sich – Charlotte wird immer wieder von ihrem Mann allein gelassen, während Bob Kommunikationsschwierigkeiten mit seiner eigenen Frau hat. Also finden beide Geborgenheit bei einem Gleichgesinnten in einem fremden Land: sie sind wie zwei alte Freunde – sie essen zusammen, sie erforschen die Stadt oder sie singen Karaoke und schauen zusammen alte Filme – allein in diesen letzten beiden Szenen im Film wirken Bob und Charlotte wie ein Ehepaar: vertraut und glücklich miteinander.

„Lost in Translation“ lässt sich nicht so einfach in eine (Genre-)Schublade schieben. Sofia Coppola vermischt Drama und Komödie und macht gleichzeitig noch eine Sightseeing-Tour durch Tokyo mit uns (und bestätigt eigentlich alle schrägen Vorstellungen über Japan – von den Computerspielern zum Shushi über Karaoke zu extremen TV-Shows bis zur übertrieben wirkenden Freundlichkeit der Japaner ist alles vorhanden). Johansson und Murray spielen absolut überzeugend und nehmen uns mit durch diese fremde Welt. Da vergessen wir dann auch schnell die Enttäuschung, dass uns keine weitere Großaufnahme von Johanssons Hintern geliefert wird.

Wertung: 9,5 von 10 Punkten (komisch-tragisch: einfach nur wunderschön)

9 Kommentare leave one →
  1. Dr. Borstel permalink
    11. September 2009 14:52

    Einer meiner Lieblingsfilme. Auch wenn ich selbst noch nie in Japan gewesen bin, würde ich doch sagen, dass Sofia Coppola diese fremdartige Atmosphäre einfach perfekt einfängt – von Charlottes Streifzügen durch (aus unserer Sicht) merkwürdige Parks bis hin zu dieser skurrilen Talkshow, zu der Bob sich überreden lässt. Die komischen Momente („Mr. Harris! Rip my stockings!“) fügen sich so wunderschön in die Handlung ein, wie ich es nur bei sehr wenigen anderen Filmen gesehen habe, wenn überhaupt. Der herrlich selbstironische Auftritt von Anna Faris sollte auch nicht vergessen werden. Und das Ende … war so schön, dass es mir ein paar Tränen abgezwungen hat; ich geb’s offen zu. Einfach ein wunderbarer Film.

  2. Dr. Borstel permalink
    11. September 2009 14:55

    Oh, und fast hätte ich’s vergessen – Scarlett Johanssons Hintern ist natürlich in der Tat aller Ehren wert, da stimme ich voll und ganz zu. 😉

    • donpozuelo permalink*
      11. September 2009 16:28

      😉 ja, ein toller Hintern in einem noch besseren Film 🙂

Trackbacks

  1. An Offer You Can’t Refuse « Going To The Movies
  2. Tarantinos Lieblinge « Going To The Movies
  3. Pop-Prinzessin « Going To The Movies
  4. Tote Jungfrauen « Going To The Movies
  5. Don Juan und der rosa Brief « Going To The Movies
  6. Blogparade: My 100 greatest films of the 21st century… so far | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: