Zum Inhalt springen

„Rashomon“ knapp verfehlt

6. September 2009

Schauspieler Dennis Quaid soll den Film „8 Blickwinkel“ im Fernsehen mit Akira Kurosawas „Rashomon“ verglichen haben. Offensichtlich hat Quaid den Film nie gesehen (oder eher: einfach den Text des Marketing-Teams wiedergegeben). Ich kann hier und jetzt versichern: „8 Blickwinkel“ hat „Rashomon“ gaaaaaanz knapp verfehlt.

Anfangs erkennt man noch den Versuch, den japanischen Meister zu kopieren: Wir befinden uns in Spanien, wo der amerikanische Präsident auf einem großen Platz vor großer Menge (duh!) eine Rede halten will. Bevor er aber auch nur zwei zusammenhängende Sätze rausbringen kann, wird er erschoßen. Nun liegt es an Beschützer Thomas Barnes (Quaid) und seinem Kollegen Kent Taylor (Matthew „Jack“ Fox), den Schützen zu finden. Diese Anfangssequenz – das Attentat auf den Präsidenten – sehen wir sechs Mal: aus der Sicht des Fernsehteams, aus der Sicht von Barnes, aus der Sicht eines spanischen Polizisten, aus der Sicht eines amerikanischen Touristen (Forest Whitaker), der stolz seine Sony-HD-Kamera hochhält und ein wenig Held spielt, aus der Sicht des Präsidenten und zu guter Letzt aus der Sicht der bösen Terroristen.

Wer jetzt richtig mitgezählt hat, wird sich fragen, wo bleiben die restlichen zwei „Blickwinkel“ (hier fehlt der Film wieder der gruseligen deutschen Übertragung des Filmtitels zum Opfer – aus „Vantage Point“ wird „8 Blickwinkel“, bei dem nur 6 geboten werden). Aber zurück zum Thema: die erste Hälfte spielt also die gleiche Szene immer wieder ab. Aber wo bei Kurosawa jeder der Erzählenden eine eigene Version des Gesehenen zum Besten gibt, sehen wir immer wieder das Gleiche: nur mal aus einer anderen (Kamera-)Perspektive. Der „Rashomon“-Effekt fehlt da komplett.

Was ja nicht so schlimm wäre – denn an und für sich gefiel mir die Idee mit den verschiedenen „Blickwinkeln“. Man bekam bei jeder neuen Ansicht ein bisschen mehr zu sehen, was andere noch nicht gesehen hatten. „8 Blickwinkel“ entwickelte sich so zum einem kreativen Versuch, Action-Kino ein bisschen anders zu gestalten. Leider hält das nicht an: abgesehen von den fehlenden 2 „Blickwinkeln“, geht der komplette Film in den letzten 45 Minuten in eine Richtung, die nicht der ersten Hälfte entspricht.

Mit der Perspektive der „Terroristen“ hört das „Blickwinkel“-Springen auf. Ab jetzt ist der Film von Pete Travis ein Action-Film-Kopfschmerz frei nach „Das Bourne Ultimatum“ und Bonds „Quäntchen Trost“. Aus der guten Idee des Anfangs wird eine hektische Verfolgungsjagd, die zwar spannend (wenn auch oft verwackelt) inszeniert ist, aber nicht mehr im Einklang mit der Anfangsidee steht.

„8 Blickwinkel“ hat das Potenzial und die Schauspieler (unter anderem noch William Hurt und Sigourney Weaver), aber wird dann dennoch nur ein normaler, solider Action-Film. Eigentlich schade…

Wertung: 6 von 10 (die Erwartungen des Anfangs werden nicht erfüllt, es bleibt dennoch ein guter Action-Film)

3 Kommentare leave one →
  1. 6. September 2009 11:04

    Der Gag an Rashomon ist neben der drei Perspektiven, vor allem der Einblick in die menschliche Psyche, durch eben diese drei Episoden großartig reflektiert. Drei unterschiedliche Versionen bzw. Verleugnungen zu einer Geschichte. Selbst der Geist aus dem Jenseits lehnt seine irdische Mitschuld ab. Nicht ohne Grund der Filmklassiker überhaupt von Kurosawa.

    Gut geschrieben, Don, wie immer!

    • donpozuelo permalink*
      6. September 2009 16:23

      Vielen Dank, Benno.

      „Rashomon“ ist wirklich ein Filmklassiker, den man allen Filmfreunden nur wärmstens ans Herz legen sollte.

      Ich glaube aber, es sind sogar vier Perspektiven in „Rashomon“ – der Dieb, die Frau des Samurai, der tote Samurai selbst (fand ich übrigens richtig gut, dass das auch noch so mit spielt) und der Holzfäller, der das Ganze beobachtet hat. Und jeder von denen verdreht das Erzählte so, dass die eigene Version das eigene Gewissen beruhigt.
      So etwas sucht man bei „8 Blickwinkel“ vergebens.

      • 6. September 2009 18:36

        Oh ok, das kann sein. Habe Rashomon auf VHS irgendwo im Schrank und länger nicht gesehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: