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Interessanter Fall von anterograder Amnesie

2. September 2009

Ja, ja, ich weiß – komischer Titel, aber vielleicht kriege ich so ein paar Psychologen-Blogger auf meine Seite 🙂

Worum es hier eigentlich geht, ist Christopher Nolans großartiger Film „Memento“. Hier nämlich leidet Hauptfigur Leonard (Guy Pearce) an der im Titel genannten Amnesie – er hat kein Kurzzeitgedächtnis mehr und vergisst die meisten Sachen wenige Minuten später wieder (ein besonders fieses Beispiel dafür liefert seine Unterhaltung mit Natalie zur Mitte des Films). Um sich an die wichtigste Sache zu erinnern – den Mörder seiner Frau finden und umbringen – tätowiert er sich alle gesammelten Fakten auf den Körper und macht Fotos mit Notizen an sich selbst.

„Memento“ ist in erster Linie ein typischer Rache-Film. Auf den zweiten Blick aber auch eine sehr gelungene Darstellung von anterograder Amensie. Um den Effekt des Vergessens und des Nicht-Wissens noch zu verstärken, entschließt sich Regisseur Nolan den Film in zwei Handlungsstränge zu unterteilen:

–         Handlungsstrang Eins ist in Farbe

–         Handlungsstrang Zwei ist in Schwarz-Weiß

Aber zum Glück ist das nicht der eigentliche Kick des Films. Der eigentliche Kick ist: Handlungsstrang Eins wird komplett rückwärts erzählt: Vom Mord an dem vermeintlichen Mörder seiner Frau bis zum Anfang von Leonards Ermittlung. Im Gegensatz dazu verläuft Handlungsstrang Zwei chronologisch. Um den Zuschauer aber nicht komplett zu verwirren, ist die zweite Handlung sehr beschränkt und zeigt Leonard meist nur am Telefon, wie er seinem unbekannten Gesprächspartner eine Geschichte aus der Zeit erzählt, an die er sich noch ohne Notizen erinnern kann.

Ich will nicht sagen, dass „Memento“ ein schwer zu guckender Film ist, aber man muss schon voll dabei sein, um in dem Netz aus Intrigen und Lügen nicht den Überblick zu verlieren. Aber genau das macht „Memento“ so verdammt faszinierend. Anfangs wissen wir als Zuschauer kaum weniger als Leonard. Zusammen mit Leonard erfahren wir mehr und mehr. Im Gegensatz zu ihm aber behalten wir die meisten Sachen. Daher tut es dann um so mehr weh, wenn wir dabei zusehen müssen, wie der arme Kerl durch sein eigenes Gedächtnis immer wieder in missliche Situationen gerät, die er eigentlich hätte verhindern können.

Erst das überaus krasse Ende macht dann mehr deutlich, dass nicht alles, was Leonard tut nur aufgrund seines Leidens geschieht, sondern dass auch er in gewissem Maße eigene Entscheidung trifft, die bestimmen, was er tut – zum Glück für ihn (in diesem Fall) vergisst er das nur schnell wieder.

Ich habe keine Erfahrung damit, aber ich glaube, „Memento“ liefert ein durchaus tiefgründiges Porträt einer absurd klingenden Krankheit. Diesen Film muss man einfach mal gesehen haben: einer der besten Thriller überhaupt – spannend, anspruchsvoll und originell (ich weiß, in letzter Zeit ist das mein neues Lieblingswort, aber es ist mir einfach auch wichtig).

Wertung: 10 von 10 Punkten (einer der innovativsten Thriller seit „Sieben“)

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12 Kommentare leave one →
  1. 2. September 2009 12:00

    Memento ist ein absolutes Meisterwerk. Steht hier auf meinem Arm tätowiert. Ich weiß nicht, was es bedeutet. Moment. Wo bin ich eigentlich? Was mache ich hier. Moment, da steht etwas auf meinem Arm…

    • donpozuelo permalink*
      2. September 2009 15:58

      guck doch auf deinen anderen arm, vielleicht gibt es da ne erklärung für den rest 🙂

  2. Dr. Borstel permalink
    2. September 2009 15:03

    Was soll ich dazu noch sagen – „Memento“ ist einfach nur grandios; einer der besten Thriller überhaupt (meiner Meinung nach übrigens besser als „Sieben“). Zuzusehen, wie Leonard versucht, sein Leben und seine Rache auf die Reihe zu bekommen, und dabei trotz seines eigentlich ziemlich ausgeklügelten Systems nie das zu schaffen, was er eigentlich beabsichtigt hatte, ist echt hart. Allerdings lange nicht so schwer zu verstehen, wie ich mir zuvor hatte sagen lassen – wenn man halbwegs aufpasst, kann man der Geschichte eigentlich recht einfach folgen.

    • donpozuelo permalink*
      2. September 2009 15:57

      Schwer zu verstehen ist er wirklich nicht. Immerhin werden die einzelnen, fragmentarischen Episoden passgenau gezeigt, sodass sich die einzelen sequenzen gut aneinanderreihen lassen. nur man sollte nebenbei nicht noch was anderes machen. sonst fehlt einem dann was…

      • Sebastian Schuster permalink
        6. September 2009 14:09

        Und alle die mit dem Originalablauf Probleme haben, können auch die chronologische Fassung gucken. Aber ob der Film dann noch funktioniert? Seinen Charme würde er definitiv verlieren.

        • donpozuelo permalink*
          6. September 2009 16:25

          ja, natürlich – eine chronologische Fassung würde dem Film komplett den Sinn nehmen und einfach nur noch öde sein. Zumal ja auch mit dem Rückwärts-Strang die Situation von Leonard dargestellt werden soll, um dem Zuschauer zumindest ansatzweise eine Idee davon zu geben, wie schwierig es ist, nicht zu wissen, was vor zwei Minuten war.

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