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Geschichte – frei nach Tarantino

26. August 2009

Menschen klatschen am Ende eines Films. Ich habe immer davon gehört, dass es so etwas gibt – selbst erlebt habe ich es noch nie. Bis heute (bzw. gestern)! Da haben die Menschen im Kino Beifall geklatscht. Da war ich echt platt.

Ich bin nämlich mit geringen Erwartungen in Tarantinos „Inglourious Basterds“ gegangen. Nach „Pulp Fiction“ gibt es nicht mehr viel, was mir von dem „Kultregisseur“ wirklich gefallen hat. Aber ich muss von Anfang an sagen: in „Inglourious Basterds“ findet Tarantino wieder zu alter Größe zurück. Vielleicht liegt es daran, dass er darauf verzichtet, eine Frau in den Mittelpunkt stellen zu wollen, die zu einer Heldin wird. Obwohl… Moment… wenn man „Inglourious Basterds“ genau betrachtet, geht es eigentlich weniger um die „Basterds“, sondern mehr um die Rache einer jungen französischen Jüdin. Da stolpert die Sondereinheit um Aldo Raine (Brad Pitt) eigentlich eher durch Zufall rein, denn deren „Operation Kino“ wurde durch die junge Frau schon lange entwickelt, will doch auch sie sämtliche Nazi-Oberbosse bei einer Filmpremiere in ihrem Kino in die Luft jagen.

Wie schon gesagt, „Inglourious Basterds“ ist mal wieder ein richtiger Tarantino. Die Dialoge sprühen wieder vor Witz und Ironie (wenn manche Szenen dabei auch etwas zu lang werden, um den „Gag“ am Ende hinauszuzögern), und die Szenen sprühen… naja… Kunstblut in alle Ecken. Um ehrlich zu sein, ich glaube es gibt zwei Gründe, warum „Inglourious Basterds“ zu den guten Tarantino-Filmen gehört:

  1. Genau betrachtet erkennt der Tarantino-Kundige, dass der Regisseur hier das Beste aus all seinen vorherigen Filmen zusammengeführt hat: man erkennt „Reservoir Dogs“, „Pulp Fiction“ oder „Kill Bill“ deutlich wieder. Dass, was an den alten Filmen gut war, hat Tarantino hier wieder einfließen lassen – und schafft einen Film mit hohem Brutalitäts- und Lachfaktor: eine gekonnte Mischung (wer’s mag, natürlich – denn für Gewaltdarstellungen ist sich Tarantino nie zu schade und lässt die Kamera ordentlich draufhalten).
  2. In diesem Zusammenhang erschafft Tarantino einen der besten Kino-Bösewichte seit Javier Bardem in „No Country For Old Men“ – Christoph Waltz als Oberst Hans Landa liefert ein absolut perfektes Schauspiel ab (dafür wurde er dann in Cannes auch als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet – absolut verdient). Ich kann es nur mit Christopher Walken vergleichen, der genau so gut vom besten Freund zum Teufel in einem einzigen Gespräch wechseln konnte. (Selbst, wenn der Film schlecht gewesen wäre, Waltz holt das wieder raus.)

Inwieweit „Inglourious Basterds“ nun tatsächlich ein loses Remake von „Ein Haufen verwegener Hunde“ ist, kann ich nicht beurteilen, da ich das Original nicht kenne. Aber ich denke, man kann dem Film-Kenner Tarantino vertrauen, der ja jeden Film über und über mit Filmzitaten vollstopft. Interessant war hier, dass es sich vorwiegend um Zitate deutscher Filme handelte – neben den Verweisen auf alte deutsche Filme und Filmemacher ist „Inglourious Basterds“ aber auch Sammelpunkt deutscher Größen, sodass es schon fast ein kleines Spiel wird, die ganzen unzähligen Deutschen wiederzuerkennen (meine überraschendsten Entdeckungen waren der Comedian Zack und Bela B.).

Interessanterweise enttäuscht Tarantino an einer Stelle, die er bis jetzt immer mit Bravour gemacht hat: Der Soundtrack zum Film ist verhältnismäßig ruhig und ohne alte Klassiker, die wir schon längst wieder vergessen hatten, bevor Tarantino sie uns neu präsentierte. Aber gut, wir wollen uns mit dem zufrieden geben, was wir bekommen: lieber einen guten Film mit einem guten Soundtrack als einen schlechten Film mit genialem Soundtrack.

Mit „Inglourious Basterds“ gewinne ich wieder etwas Vertrauen in die Marke Tarantino, das gewaltig wackelte nach Filmen wie „Jackie Brown“, „Kill Bill Vol. II“ oder „Deathproof“. Wollen wir hoffen, dass es so weiter geht…

Wertung: 8 von 10 Punkten (diese „Basterds“ sind wirklich „(in)glourious“ – wenn auch mit ein paar Längen, die sich verschmerzen lassen)

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6 Kommentare leave one →
  1. Sebastian Schuster permalink
    6. September 2009 14:23

    Ein wirklich atemberaubender Film. Nicht wegen seiner unverblümten Gewaltdarstellung oder der kreativen Story. Nein. In diesem Film schafft es Tarantino einen Kino-Film mit soviel Subtext zu versehen, dass jede Minute (mit Ausnahme des Endes) ein Genuss ist. Der eine mag es Längen nennen, ich jedoch habe mich köstlich amüsiert. Es ist zudem eine Genugtuung für alle, die das NS-Regime bislang als historische Tatsache objektiv betrachten mussten und nun endlich, in diesem Film, auch einmal die Emotionen, die man den damaligen überzeugten Nationalsozialisten gegenüber kaum in Worte zufassen vermochte, in Bilder zu sehen. Für mich ein Durchbruch hinsichtlich des Umgangs mit der NS-Vergangenheit. (9 von 10 :-))

    • donpozuelo permalink*
      6. September 2009 16:26

      Naja, ob es ein wirklicher Umbruch ist, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Umgang mit der Vergangenheit – Geschichte halt mal anders.

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