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Jeder ist sich selbst der Nächste

17. Mai 2009

Akira Kurosawas elfter Film ist „Rashomon“ – die Geschichte des Mordes an einem Samurai und gleichzeitig an Frage, was unterscheidet eine Lüge von der Wahrheit. In „Rashomon“ geht es um den Mord an einem Samurai. Eigentlich geht es weniger um den Mord an sich, sondern um die Augenzeugen zu diesem Mord und ihre Aussagen. Es sind vier an der Zahl: zuerst wird der Räuber verhört, anschließend die Frau des Samurai, dann der Tote selbst (ein Hoch auf die Geisterbeschwörung). Anschließend gibt auch ein Holzfäller, der das Ganze zufällig beobachtet hat, sein Statement zu Protokoll. Nur (was alle Richter dieser Welt wahrscheinlich schon lange kennen) stimmt keine einzige Aussage mit der anderen auch nur im Geringsten überein.

Die drei Männer – der Holzfäller, ein Mönch und ein Streuner – die, diesen Vorfall am Rashomon-Tor im strömenden Regen diskutieren, finden auf die Frage, warum es keine Übereinstimmung gibt, keine Antwort. Nur der Streuner weiß eine Möglichkeit: „Die Menschen sind alle schlecht. Und jeder versucht in seiner Version seinen eigenen Standpunkt zu rechtfertigen.“ Das eigene Gewissen wird durch die Lüge beruhigt.

Kurosawas Film ist dabei aber bei weitem nicht einfach nur ein Lehrstück, das uns dazu bringen will, von nun an nur noch die Wahrheit zu sagen. Denn: Was ist schon die Wahrheit??? Nein, „Rashomon“ ist auch ein spannender Film – und ein großes Stück Kino. Die Chronologie wird komplett aufgeweicht – wichtiger als eine lineare Abfolge ist ihm die Darstellung eines Geschehens aus vier verschiedenen Perspektiven.

Und gleichzeitig ist „Rashomon“ auch ein visuell sehr ansprechender Film. Die vorwiegend im Wald gedrehten Schwarz-Weiß-Bilder bieten ein ständiges Wechselspiel von Licht und Schatten. Immer wieder gleitet die Kamera durchs Gestrüpp, fängt dann wieder die Sonne hinter den Wolken ein. Nur vor Gericht ist alles weiß – der Ort, wo Recht gesprochen soll, ist der einzige unbefleckte Platz. Alles andere wird – genau wie die Menschen und ihre Moral – von Licht und Schatten beherrscht.

Dazu kommen teilweise irre anzusehende Schauspieler. Vor allem der Kampf zwischen dem Samurai und dem Räuber sieht eher aus, als würden wilde Affen ihren Revierkampf vollführen (was sicherlich nicht ganz ungewollt ist). Unterlegt ist das von einer Variation des Bolero-Motivs.

Wertung: 8 von 10 Punkten (dieser Film steht Pate für etliche Episodenfilme, die die Chronologie vernachlässigen – selbst nach fast 60 Jahren ist dieser Film absolut sehenswert und ein Muss für jeden Kino-Fan)

13 Kommentare leave one →
  1. luzifel permalink
    18. Mai 2009 08:12

    Wow.. hab den Film auf deinen Tip hin gesehen und bin ziemlich begeistert.. 8 von 10 kann ich gut nachvollziehen.. Sehr witzig finde ich übrigens, dass man wild rumtheoretisieren kann wer nun die Wahrheit sagt und wo die Wahrheit zwischen den ganzen Geschichten lag ^^

    • donpozuelo permalink*
      18. Mai 2009 11:31

      das stimmt. und das phänomen tritt bei wiederholtem sehen immer wieder auf. ein herrlicher film, was das angeht..

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